Rezension: „Wer Meer hat, braucht weniger“ (Marc Bielefeld)

Vor einiger Zeit schrieb ich über meinen Gewinn beim Heyne Verlag. Nun habe ich „Wer Meer hat, braucht weniger“ ausgelesen und es ist Zeit für eine Rezension.

Wer meer hat

Inhalt:

Marc Bielefeld erzählt ganz persönlich von seiner Zeit auf dem Meer: Von Segelbooten, den langen Wintern, in denen er sie ausgebessert hat, vom Regen, der auf das Boot prasselt, von den wenigen Dingen, die man auf See braucht und von der Freiheit, den Fangarmen des Kraken des Alltags und der Hektik zu entfliehen. Er erzählt auch von Bekanntschaften in Hafen, dem Segeln auf Ost- und über die Nordsee – er erzählt von all den kleinen Dingen, die das Meer so faszinierend machen. Und meistens erzählt er davon, wie viel schöner das Leben auf dem Meer doch ist und wie entspannter es trotz permanenter Arbeit am Boot sein kann.

Mein Eindruck:

Mein Eindruck ist irgendwie zweigeteilt, ich kann mir nicht helfen. Einerseits spricht aus jeder Zeile des Buches die Faszination des Meeres, der ich mich nicht entziehen konnte und es auch nicht will und die dieses Buch für mich so reizvoll gemacht hat. Dazu kommt die unaufgeregte Weise, in der Marc Bielefeld alles beschreibt und die so wunderbar zur großen Freiheit des großen Wassers passt.

Aber andererseits – und dieser Eindruck verstärkt sich von Kapitel zu Kapitel – scheint aus jeder Zeile auch der streng erhobene Finger zu sprechen, der mahnt, alles was die Einfachheit des Lebens auf See übersteigt, wäre maßlos und letztlich schlecht für den Menschen. Das fängt bei den kleinen Dingen an, so hat Dekorations-Nippes natürlich keinen Platz auf einem winzigen Segelboot, das nur das Nötigste zu fassen vermag. Doch Marc Bielefeld geht noch weiter – er schreibt, dass er die Wohnungen und Häuser auf dem Festland als zu vollgestopft empfindet und wir Menschen eigentlich zu viele Dinge haben und davon nicht die Hälfte wirklich benötigen. Auch klingt für mich aus seinen Worten heraus, dass die Freizeit, die wir Landratten haben, in seinen Augen „falsch“ verbracht wird. Dass wir sie nicht genießen, sondern auch da verschiedensten Dingen hinterherjagen.

Beim Lesen habe ich mich oft gefragt, ob das richtig ist, was der Autor da schreibt. Klar ist, dass unser Leben sehr hektisch ist und viele empfinden es als immer schnellebiger. Und sicher, es gibt viele Dinge, die wir nicht wirklich benötigen, und dennoch kaufen wir sie, besitzen sie oder möchten sie uns irgendwann einmal zulegen.

Kann man wirklich beurteilen, was zu viel ist? Was unnötig ist? Ist wirklich die Einfachheit des Meeres das Nonplusultra? Kann man das für jeden Menschen so wirklich festlegen? Kann man sagen, was Hektik in der Freizeit und was wertvolle Erholungspausen sind?

Fazit:

Ich habe selten in einem Buch – siehe Bild oben – so viele schöne, nachdenklich stimmende Textstellen markiert. Ich habe ebenfalls selten ein Buch gelesen, das trotz der ruhigen, unaufgeregten Schreibweise so fesselnd war. Und es gibt auch nicht viele Menschen, die meine Liebe zum Meer in ihren Worten so perfekt festhalten können – Marc Bielefeld gehört definitiv dazu.

Doch manchmal habe ich mich gefragt, ob die Suche nach der Einfachheit des Lebens auf dem Meer nicht eine Flucht ohne Ziel ist. Sicher, er schrieb, er ist nicht einsam auf dem Wasser, lernt er doch immer wieder neue Menschen kennen. Aber wirkliche Beziehungen kann man meiner Meinung nach nicht aufbauen, wenn man nur wenige Tage in einem Hafen weilt. Und ja, die Zeit auf dem Boot ist mit viel Arbeit verbunden, man sitzt nicht einfach nur so rum, und man kann die Ruhe des Meeres genießen. Aber wenn man die Zeit auf See verstreichen lässt, indem man Segel flickt – ist das nicht das gleiche, wie das Verstreichenlassen der Zeit, wenn ich meinen Schal weiter stricke? Doch Letzteres findet in meiner Wohnung statt – in einer Stadt noch dazu – und nicht auf dem Meer. Ich hatte in diesem Fall das Gefühl, Marc Bielefeld findet alles, was in Städten geschieht, irgendwie schlecht, eben weil die Krake der Hektik so nah ist. Aber sollte es nicht jedem selbst überlassen sein, wie er ihr entkommt? Oder ob er ihr überhaupt entkommen will? Was, wenn mir die permanente Anspannung gefällt? Was, wenn ich gerne viel zu tun habe? Was, wenn ich mal nicht stundenlang in den Himmel starren will, nur um zu zeigen, wie sehr mich die Krake mal gern haben kann?

Das Buch regt auf jeden Fall zum Nachdenken an. Es enthält wunderbare Beschreibungen über das Meer und das Leben mit dem Meer und häufig habe ich mich dabei ertappt, wie ich Marc Bielefeld um seine Zeit auf dem Wasser beneidet habe. Dann aber wieder kam der erhobene Zeigefinger in seinen Worten zum Vorschein und ich habe mich ein wenig geärgert, dass manche Eigenheiten, in denen ich mich selbst erkannte, einfach als etwas nicht Gutes – beinahe schon Minderwertiges – abgetan wurden.

Für den Zeigefinger ziehe ich einen Stern ab, ansonsten ist das Buch sehr lesenswert für jeden, der das Meer liebt und einfach mal über das hektische Treiben im Alltag nachdenken möchte:

Vier Sterne.

Weiteres zum Buch:

  • Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
  • Verlag: Ludwig Buchverlag (22. April 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453280407
  • ISBN-13: 978-3453280403
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3 Gedanken zu “Rezension: „Wer Meer hat, braucht weniger“ (Marc Bielefeld)

  1. Er schreibt ja nicht, dass es alle genauso sehen und tun sollen. Dann wäre das Meer sehr schnell sehr voll und die Möglichkeit der Reduktion und Reflexion dahin. Auf das Erkennen des Zuviels und die eigene Haltung und Handlung kommt es an. Bei Meister Bielefeld ist es halt das Meer (wie bei mir auch) – das „Spielfeld“ kann aber ebenso ein Wald, ein Stall, eine Kirche, eine Autobahn, ein Ohrensessel, ein Kloster oder ein Klo sein.

    • Hallo Christoph,

      danke für Deinen Kommentar. Ich habe das in der Rezension damals vielleicht undeutlich ausgedrückt: Mir ist diese Reduktion, die er vornimmt zu extrem. Ich kann Extreme nicht leiden – egal in welche Richtung. Maßvoll sein ist eher angebracht, finde ich. Egal in welchem Bereich.

      Viele Grüße
      Sarah

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