Zwischenspiel: Rezension zum Film „Inside Wikileaks“

Viele von Euch wissen, dass ich als Medienmensch nicht nur sehr gerne Bücher lese, sondern auch viele Filme gucke. Deshalb habe ich Euch heute einmal nichts zum Harry Potter-Marathon (Teil drei ist abgeschlossen und folgt in Kürze) mitgebracht und werde auch nichts zum aktuellen LovelyBooks-Challengebuch schreiben. Stattdessen dachte ich mir, dass ich Euch mal an meinen Gedanken zu einem der Filme teilhaben lasse, die ich im vergangenen Jahr gesehen habe.

Die Rezension ist vor einiger Zeit schon auf dem wunderbaren Blog der Motion Picture Maniacs erschienen, aber immer wieder wandern meine Gedanken zurück zu diesem Film und da fiel mir auf, dass ich ihn Euch ja noch gar nicht ans Herz gelegt habe.

An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an die Motion Picture Maniacs, dass ich eine Gast-Rezension schreiben durfte. Ich freue mich immer sehr, mit Euch zusammenarbeiten zu können!

The Fifth Estate / Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt

Über Freundschaft, Verrat und die Macht der Information

Allein die Thematik – der Aufstieg von Wikileaks – lässt erahnen, dass dieser Film durchaus kontrovers diskutiert wird. Im Gegensatz zu dem – ebenfalls in diesem Jahr erschienenen – Wikileaks-Film „We Steal Secrets“ von Alex Gibney, ist Bill Condons „The Fifth Estate“ ganz klar keine Dokumentation, sondern ein Thriller, der als solcher natürlich nicht um dramatisierende Elemente herumkommt.

Basierend auf den Büchern „Inside Wikileaks“ von Daniel Domscheit-Berg, einem früheren Wikileaks-Aktivisten und „Wikileaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy“ der Journalisten David Leigh und Luke Harding erzählt Condon einerseits die Geschichte um den Aufstieg einer der wohl meist-diskutierten Webseiten unserer Zeit. Andererseits zeigt er auch die Geschichte der Freundschaft zwischen dem deutschen Informatiker Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl) und dem australischen Netzaktivisten Julian Assange (Benedict Cumberbatch).

Vorangestellt wird dem Film ein kurzer Überblick über die Entwicklung der Informationsverbreitung von der Frühzeit über Flugzettel bis hin zur Einstellung der Printausgabe der „Newsweek“. Die eigentliche Handlung von „The Fifth Estate“ beginnt im Jahr 2007 mit dem ersten Zusammentreffen zwischen Domscheit-Berg und Assange. Domscheit-Berg ist beeindruckt von Assanges Idee, durch die Veröffentlichung von unterschiedlichen – meist vertraulichen – Dokumenten für mehr Transparenz bei Regierungen und Organisationen zu sorgen. Er beginnt an dem Projekt mitzuarbeiten, um sogenannten „Whistleblowern“ (Informanten) eine Plattform zu geben, ihre Informationen vollkommen anonym zu übermitteln. Das Werk erzählt, wie Assange und Domscheit-Berg die notwendigen technischen Voraussetzungen für ihre weitere Arbeit schaffen, diverse Kontakte knüpfen und mit ihren ersten Datenveröffentlichungen immer bekannter werden – beispielsweise 2008 durch den aufsehenerregenden Informations-Coup bezüglich der Schweizer Privatbank Julius Bär. Den Höhepunkt der Geschichte stellt die Veröffentlichung US-amerikanischer Militärdokumente 2009 und 2010 dar, die auch zu einem Wendepunkt in der Beziehung zwischen Assange und Domscheit-Berg führt.

Ohne zu viel vom Film vorwegnehmen zu wollen, kann dieser Wendepunkt in einer Frage zur Arbeitsweise von Wikileaks – und Assange – zusammengefasst werden: Inwieweit und auf welche Art und Weise darf man sensible Daten und brisante Informationen veröffentlichen, wenn man weder das Datenmaterial verändern möchte, noch Informanten oder andere Mitmenschen gefährden will?

Immer wieder wird der Zuschauer dazu angehalten, Sichtweisen der einen oder der anderen Seite zu betrachten, Argumente dafür und dagegen im Hinblick auf die Arbeitsweisen von Wikileaks miteinander zu vergleichen und gezielt über die jeweiligen Konsequenzen nachzudenken.

Bezeichnend dafür ist die – bereits im Trailer gezeigte – Szene eines fiktiven Interviews mit Assange: Er fordert hierbei jeden einzelnen auf, sich selbst zu informieren, selbst die Wahrheit zu suchen. Und er betont seine Ablehnung gegenüber der Verfilmung.

Während die Interviewsequenz fiktiv sein mag, ist diese Ablehnung sehr real. Im Vorfeld der Dreharbeiten schrieb Julian Assange sogar eine (auf Wikileaks veröffentlichte) Mail an Benedict Cumberbatch, in der er ein Zusammentreffen – und sei es für Cumberbatch auch nur zu Recherchezwecken – kategorisch ablehnte und deutlich werden ließ, dass er der Meinung ist, der Film rücke seine Arbeit in ein schlechtes Licht.

Interessant ist die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller. Die Schauspieler selbst treten vollkommen in den Hintergrund, sodass man als Zuschauer einzig und allein die Rolle selbst wahrnimmt. Insbesondere bei Assange kann man sehr gut beobachten, wie gut die Leistung der Schauspieler tatsächlich ist: Im Internet existieren unzählige Videos, die den echten Assange zeigen. Einige Szenen des Films replizieren exakt diese Begebenheiten, sodass man die schauspielerische Leistung von Benedict Cumberbatch leicht einschätzen kann. Ich persönlich finde, Benedict Cumberbatch hat es brilliant gemeistert, ohne Assange persönlich getroffen zu haben, seine Haltung, Mimik und Gestik, den australischen Akzent (zumindest für deutsche Ohren) und die ganz spezifische Sprechweise Assanges zu replizieren. Inwieweit er die tiefergehende Persönlichkeit seiner Rolle getroffen hat, lässt sich nur schwer beurteilen, schließlich wurde ihm da auch viel durch das Drehbuch vorgegeben.

Auch Daniel Brühl ist es gelungen, Daniel Domscheit-Berg sehr authentisch wirken zu lassen. In allen Szenen besticht er durch eine Präsenz, bei der ich mich persönlich frage, weshalb ich bisher nur wenige Filme mit ihm gesehen habe. Für mich persönlich war es besonders interessant, dass er mit einem nahezu nicht hörbaren deutschen Akzent Englisch spricht. Brühl hatte es in seiner Arbeit übrigens leichter als Cumberbatch – Domscheit-Berg war bereit, mit ihm zusammenzuarbeiten, um seiner Figur mehr Authentizität zu verleihen.

Was mir besonders am Film gefiel, war die Art und Weise, die Geschichte darzustellen. An den passenden Stellen wurden Nahaufnahmen der Gesichter auch aus ungewöhnlichen Blickwinkeln eingesetzt. Wenn es um Szenen in Menschenmengen oder Verfolgungssequenzen ging kam auch gerne mal eine Freihandkamera für verwackelte Bilder zum Einsatz. Besonders interessant fand ich die Zwischenszenen des scheinbar endlosen Büroraums, mit vielen Computern und Neonröhren, welche unter dem freien Himmel zu schweben schienen. Dieser wirkte immer wieder wie eine Metapher des Zustandes von Wikileaks bzw. der Freundschaft zwischen Domscheit-Berg und Assange.

Wikileaks ist ein kontroverses Thema, es gibt viele Befürworter und viele Gegner und die Zukunft wird entscheiden, ob die positiven oder negativen Konsequenzen überwiegen. Ähnlich sieht es mit der Freundschaft der zwei Netzaktivisten aus: Was wirklich in der Beziehung zwischen Daniel Domscheit-Berg und Julian Assange wozu geführt hat, wissen letztlich nur die Beteiligten selbst.

Der Film „The Fifth Estate“ schafft es, trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – der Tatsache, dass er kein Dokumentarfilm ist, die Balance zwischen den verschiedenen Ansichten zu halten. An manch einer Stelle merkt man zwar, dass die Persönlichkeit Assanges keine einfache ist, und diese Eigenheiten auch Entwicklungen um Wikileaks herum bedingen mögen. Dennoch hat man als Zuschauer nie das Gefühl, dass er und seine Organisation komplett verteufelt oder komplett glorifiziert werden.

In meinen Augen ist die Kernbotschaft des Films eben jener Balanceakt: Regierungen und verschiedenste Organisationen konnten lange Zeit hinter verschlossenen Türen ihr eigenes Süppchen kochen – Wikileaks sorgte dafür, dass diese Machenschaften ans Tageslicht kamen und hinterfragt werden konnten. Wikileaks ist dadurch quasi ein Gegenpol, das Internet als fünfte Gewalt (namensgebend im Englischen: „Fifth Estate“) ein Kontrollinstrument, ein mögliches Korrektiv. Offen bleibt die Frage, ob Wikileaks nicht selbst ein Korrektiv, einen Gegenpol benötigt. Wohlmöglich war Daniel Domscheit-Berg als rechte Hand Assanges – als Gewissen? – eben dieser ausgleichende Faktor – vielleicht sieht die Balance im Kampf um Informationen aber auch ganz anders aus.

„The Fifth Estate“ hält auch zwei Handlungsteile in Balance – einerseits die Ereignisse um Wikileaks, andererseits die Entwicklung der Freundschaft von Domscheit-Berg und Assange. Beide Handlungsstränge bedingen einander gegenseitig und die Überlegung liegt nahe, was in welchem Teil der Geschichte anders gelaufen wäre, wenn sich der jeweilige Gegenpart anders entwickelt hätte.

Die schauspielerischen Leistungen, die Darstellung der Ereignisse und die ausgewogene Balance im Grundtenor haben mich sehr beeindruckt.

Ich habe 8 von 10 Couchpotatoes meiner Blogfreunde vergeben.

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