Rezension: „Von der Nützlichkeit des Unnützen“ (Nuccio Ordine)

Vor Kurzem machte der Tweet einer Schülerin deutschlandweit Schlagzeilen: Sie beklagte sich darüber, dass an den Schulen nichts „Nützliches“ gelehrt wird.

Zugegeben. Im ersten Moment habe ich ihr voll und ganz zugestimmt, denn immer wieder muss ich meine Eltern oder Google um Rat bei Dingen fragen, die eigentlich in der Schule hätten geklärt werden können und sollen.

Zeitgleich mit der Diskussion um besagten Tweet, habe ich aber auch „Von der Nützlichkeit des Unnützen“ aus dem Graf Verlag als Rezensionsexemplar bekommen und das, was Nuccio Ordine darin schreibt, lässt mich nachdenklich werden.

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Viele Stellen musste ich einfach markieren. (Foto: Privat)

Inhalt:

 Ich wollte den Begriff der Nützlichkeit einmal in einem anderen, viel universelleren Sinn verstehen und darüber nachdenken, was es mit der Nützlichkeit jenes Wissens auf sich hat, dessen wesentlicher Wert vollkommen losgelöst ist von jeder Zweckbestimmtheit.

Diese einleitenden Worte (S. 11) stimmen den Leser direkt auf den roten Faden ein, der den Inhalt des Buches bestimmt:

In drei Teilen widmet sich Nuccio Ordine, ein italienischer Philosoph und Literaturwissenschaftler, der Diskussion darum, was als „nützlich“ angesehen werden darf und welchen Nutzen wir aus Dingen ziehen können, die in unserer Gesellschaft als „unnütz“ abgetan werden.

Im ersten Abschnitt „Die nützliche Nutzlosigkeit der Literatur“ geht es um Literaten, die sich dem Thema der Nützlichkeit angenommen haben und um Werke, in denen flammende Plädoyers zur Verteidigung des Unnützen zu finden sind. Es geht darum, dass die Barbarei und Fanatiker sich immer gegen Kunst und Literatur, Denkmäler und Meisterwerke richten (vgl. S.28). Ordine, der das Buch 2013 veröffentlichte und Werke längst vergangener Jahrhunderte zitiert, zeigt immer wieder die Aktualität der Thematik auf.

Der zweite Teil des Buches, „Die Universität als Unternehmen und die Studenten als Kunden“, ist nicht nur für Angehörige oder Absolventen von Universitäten interessant. Ordine beschreibt hier auch die Folgen von rein wirtschaftlich agierender Forschung, fehlender Forschungsfreiheit und sich daraus ergebenden Misständen.

Zuletzt geht es im Abschnitt „Besitzen tötet: Menschenwürde, Liebe, Wahrheit“ um die negativen Folgen von vermeintlich „Nützlichem“ und daraus resultierenden Verlusten.

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Man sieht – ich konnte mich zurückhalten, Textstellen oder ganze Kapitel zu markieren. (Foto: Privat)

Mein Eindruck:

Ich habe Kommunikationswissenschaften studiert. Landläufig wird das Fach den Geisteswissenschaften zugeordnet, auch wenn es sich um eine Sozialwissenschaft handelt. Immer wieder wird dieser Wissenschaftsbereich als „Laberwissenschaft“ bezeichnet, da wir „KoWis“ (so die damals bei mir an der Uni gängige Abkürzung) nunmal keine Maschinen entwickeln, Medikamente entdecken oder sonst auf „praktische“ Art und Weise zum Gesellschaftswohl beitragen.

Die Lektüre Nuccio Ordines Buch hat mich jedoch darin bestärkt, dass es nicht das Ziel eines jeden sein muss, sich der absoluten Nützlichkeit zu verschreiben und dass auch vermeintlich unnütze Bereiche nicht nur das Leben einzelner sondern vieler Menschen bereichern können.

Jedes Kapitel enthält wertvolle – ausgesprochen zugänglich geschriebene – Denkanstöße auch zu aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen und Diskussionen. Sicher muss man der oben erwähnten Schülerin recht geben, dass Schulen die Pflicht haben, auf das Leben vorzubereiten. Dennoch gebe ich Ordine recht, wenn er schreibt, dass „die Lernenden dazu ermuntert werden [müssen], ihrer curiositas freien Lauf zu lassen.“ (S. 126). Und dazu gehört nun einmal auch das Aufnehmen von Wissen, welches im täglichen Leben keinerlei praktischen Nutzen hat. Wie das schreiben von Gedichtanalysen in vier verschiedenen Sprachen.

Ordine plädiert zudem dafür, dass Universitäten nicht zu „Berufsbildungsanstalten“ verkommen sollten – und führt zahlreiche Beispiele auf, wo das Lernen nach purer Neugier mehr praktischen Nutzen nach sich zog, als a priori einem bestimmten Zweck beim Lernen oder Forschen folgen zu  wollen.

Auch die Radikalisierung der Gesellschaft kommt, wie um die Aktualität Ordines Buch zu unterstreichen, in „Von der Nützlichkeit des Unnützen“ zur Sprache.

Deshalb wird der Mensch, der die Kunst nicht begreift, ein Sklave oder ein Roboter, ein leidendes Wesen das sich nicht freuen und nicht lachen kann. Zugleich kann er leicht einem „fiesen“ Fanatismus […] oder irgendeiner Kollektivwut zum Opfer fallen.

(S.113)

Fazit:

Ich habe mir bei der Lektüre von Nuccio Ordines Gedanken mehrfach gewünscht, man möge sein Buch in Schulen und an Universitäten zur Pflichtliteratur machen, es wieder und wieder diskutieren und so einer möglichst breiten Leserschaft zugänglich machen.

Leider kam mir dann der Gedanke, dass das Lesen von Büchern – insbesondere von philosophischen Texten – heutzutage als etwas Unnützes gilt.

5 von 5 Sternen.

Weiteres zum Buch:

  • Preis: 12 €
  • Broschiert: 272 Seiten
  • Verlag: Graf Verlag (5. Dezember 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3862200531
  • ISBN-13: 978-3862200535

Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an den Graf Verlag, der mir diesen ersten und sehr nachhaltigen Denkanstoß des Jahres zukommen ließ.

In der „Reading Challenge 2015“ zählt dieses Buch als A book with antonyms in the title.

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4 Gedanken zu “Rezension: „Von der Nützlichkeit des Unnützen“ (Nuccio Ordine)

  1. Das ist doch mal ein Buch, dass man sich merken sollte. Als Lehrer in der Erwachsenenausbildung kenne ich auch das „Wozu brauchen wir das?“ – Manchmal bin ich geneigt zu antworten: „Woher soll ich das wissen?“ – Ausbildung muss auch immer ein wenig universell sein.

    Einfaches Fazit: Physik, Chemie, Biologie, Mathematik: Die Höhen des Abiturs hab ich schon lange vergessen. Naturwissenschaftler bin ich nicht geworden. Aber ohne die damalige Physik und Astronomie könnte ich heute keinem Vortrag über Steven Hawking folgen (einem populären fürs Volk). Nur so zum Beispiel.

    Deutsch und Philosophie aber waren universell. Auch nur so zum Beispiel.

    Schöne und interessante Rezension.

    • Vielen Dank für den Kommentar – und das Kompliment! Ich freue mich, dass ich Interesse für das Buch wecken konnte.

      Mein Fazit zur Schulzeit sieht so aus: Naturwissenschaftlerin bin ich (wie beschrieben) nicht geworden, dennoch nutze ich mein Abi-Wissen immer dann, wenn ich Wissenschaftsnachrichten online oder in Zeitschriften wie „Bild der Wissenschaft“ lese. Vieles ist natürlich schon in den Hintergrund gerückt, das ist klar. Bei Stephen Hawkings Werken (auch schon bei „Meine kurze Geschichte“, das ich ebenfalls rezensiert habe) habe ich gemerkt, dass das Abwählen von Physik in der 10. vielleicht doch verfrüht war. Viele Dinge aus anderen Fächern (Kunst, Musik), die ich während meiner Schulzeit beim Lernen gehasst habe, brauche ich heute überhaupt nicht – aber in die Zukunft sehen kann ich ebenfalls nicht und wer weiß, vielleicht ist das Wissen ja doch mal nützlich. Und wenn nicht, schadet es ja auch nicht.

      Das ist vielleicht eine Gegenfrage für die Lernunwilligen unter Ihren Schülern: „Woher wollen Sie wissen, dass Sie es nicht brauchen werden?“

      • KUNST, da stimme ich zu. Ich kann heute noch nicht sofort zwischen Impressionisten und Expressionisten onterscheiden. Aber bei MUSIK ist das anders. Da bin ich froh, viel über die und von den GROSSEN gehört zu haben.

        Schönes Beispiel, das mit der Abwahl. Als ich zur Schule ging, gab es so was überhaupt nicht. Einzig eine zweite Fremdsprache war wählbar. Die andere war Russisch.

      • Mir geht es da genau anders: Kunst war noch soweit gut (ich liebe die Impressionisten!), aber Musik ein einziges Rätsel. Die Abwahl kam mir da entgegen, Musik musste dran glauben. Die Abwahl an sich war ebenfalls nicht so schlecht – man konnte ja nicht alles abwählen und zeitlich war es anders sowieso nicht machbar.

        Das Ziel an Schulen und Unis sollte vernetztes Wissen sein. Die Anfänge dieser Bestrebungen habe ich immerhin bei mir an der Schule gesehen. Das macht Hoffnung.

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