Rezension: „Liebes Leben“ (Alice Munro)

Vor einiger Zeit bin ich über den Facebook-Auftritt von „Hundertvierzehn“ gestolpert. „Hundertvierzehn“, benannt nach der Hausnummer des S. Fischer Verlags, ist ein Online-Magazin, bei dem es weniger um fertige Romane als vielmehr um Ideen, Unfertiges und Denkanstöße geht. Mir gefiel diese Idee sofort und durch Zufall habe ich als 1000. Fan auf „Like“ geklickt.

Als Dankeschön für diesen Zufall, durfte ich mir ein Buch aus dem Programm des S. Fischer Verlags aussuchen. Meine Wahl fiel auf „Liebes Leben“ von Alice Munro, da ich unbedingt einmal etwas von der Autorin lesen wollte, die es „nur“ mit Kurzgeschichten zum Literaturnobelpreis gebracht hat.

Da ich selten Kurzgeschichten lese und zudem finde, dass man nur schwer 14 Kurzgeschichten auf einmal zusammenfassen kann, werde ich die übliche Form meiner Rezensionen für dieses Buch einmal abändern. Im Folgenden findet Ihr also die Titel der Geschichten gefolgt von ein paar Gedanken meinerseits.

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(Foto: Privat)

Japan erreichen

Ein eigenartiger Einstieg für mich in die Welt der Kurzgeschichten. Ein wenig verwirrend, weil zeitlich gesprungen wird, aber unglaublich fesselnd durch sehr treffende Formulierungen. Wenige Seiten und dennoch gefühlvoll.

Amundsen

So kalt wie die Landschaft der Geschichte, so kam auch diese Liebesbeziehung für mich rüber. Ein Arzt, eine Lehrerin, beide in einem Tuberkulose-Krankenhaus tätig. Und irgendwie wurde ich nicht warm mit ihnen, auch wenn ich einfach nicht aufhören konnte zu lesen.

Abschied von Maverley

Ein junges Mädchen aus einer sehr religiösen Familie, wird von der Arbeit am Kinoempfang vom Wachmann nach Hause gebracht. Bis sie eines Tages verschwindet. Doch man erfährt von ihrem neuen Leben – den Höhen und den Tiefen. Immer wieder, während das Leben des Wachmanns sich allmählich und dann ganz schnell verändert. Zwei Lebensbahnen, die sich kreuzen und mich trotz – oder gerade wegen? – der beinahe stillen Beschreibungen sehr faszinierten.

Kies

„Kies“ ist eine bewegende Geschichte über ein Mädchen und seine Schwester und das, was passieren kann, wenn die Welt von Kindern aus den Fugen gerät. Sehr berührend und ich habe mich automatisch an die kleinen Momente in meiner Kindheit erinnert, in denen alles doch eine andere Wendung hätte nehmen können. Ich kann nur sagen: Zum Glück ist alles so gekommen, wie es gekommen ist.

Heimstatt

Ein Mädel, dessen Eltern nach Afrika gehen und das nun für ein Jahr bei Onkel und Tante lebt. Der Onkel ist eigenartig und die Tante irgendwie noch eigenartiger. Und Musik wird in diesem Teil der Familie als etwas Sinnfreies betrachtet. Irgendwie werde ich selbst nach dieser Zusammenfassung nicht schlau aus der Geschichte und sowieso nicht aus dem Ende.

Stolz

Ein Mann mit Hasenscharte und eine Frau, die er sein gesamtes Leben über kennt. Und eigenartige Entscheidungen.

Ich weiß nicht wirklich, was ich von dieser Geschichte halten soll. Ja, Stolz ist nicht unbedingt gut, aber irgendwie fehlte mir der rote Faden. Ein wenig hatte ich das Gefühl, als würde ein Teil der Geschichte fehlen.

Corrie

Eine lange Beziehung, alles geheim und immer die Frage, ob das Liebe ist. Wieder so ein Schluss, von dem ich nicht weiß, was ich halten soll. Ich vermute, ich weiß, was passiert ist – aber ob ich es wirklich verstehe?

Zug

Ein Mann springt aus einem Zug und bleibt dann länger auf einer nahen Farm als er das eigentlich vorhatte. Irgendwann verschwindet er – einfach so. Und trifft auf seine Vergangenheit. Wieder einmal eine Geschichte, bei der ich nicht wirklich glauben kann, dass sie so tatsächlich passieren könnte, aber die mich wegen ihrer Bildlichkeit begeistert. Die Bedeutung des Zuges in Verbindung mit der Zeit, die uns manchmal einzuholen scheint… ja, diese Geschichte gefiel mir.

Mit Seeblick

In dieser Geschichte begleitet man eine ältere Frau, die nur zur Sicherheit von einem Arzt überprüfen lassen will, dass ihr Verstand noch richtig arbeitet. Was folgt ist eine beinahe kafkaesk wirkende und sehr berührend geschriebene Geschichte, die mich sehr betroffen zurückließ.

Dolly

Eine Frau freundet sich mit einer Vertreterin an und stellt dann fest, dass ihren Mann und diese Frau eine Geschichte verbindet. In „Dolly“ zeigt Munro eine Vielzahl an möglichen Reaktionen über nur eine Figur und man fragt sich immerzu: „Wie wird sie das aushalten – egal, wie es ausgeht?“

Das Auge / Nacht / Stimmen / Liebes Leben

Diese vier Kurzgeschichten sind, so Munro selbst, die persönlichsten. Sie sind autobiografisch gehalten und doch nicht immer ganz wahr und sie schreibt dazu, es wären die ersten und letzten Dinge, die sie über ihr eigenes Leben sagen möchte.

Mich haben diese vier kurzen Episoden besonders berührt und ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Nur: Es geht um das Heranwachsen, Kinderblicke auf die Welt und Momente, die einen für den Rest des Lebens formen.

Fazit:

„Liebes Leben“ ist ein Konglomerat aus unterschiedlichen Einblicken in ebenso unterschiedliche Leben. Manchmal wusste ich nicht so recht, was ich von den Geschichten halten soll und manchmal saß ich wie vom Donner gerührt da und musste das Buch erst einmal für eine Weile beiseite legen, so sehr haben mich Alice Munros Worte ergriffen.

Alice Munro scheint jedes Wort mit Bedacht zu wählen, webt ihre Geschichten mal vorwärts, mal rückwärts aber immer so, dass man sich ihnen als Leser nicht entziehen kann – selbst wenn man, wie ich, manchmal gar nicht so recht weiß, was die Aussage sein soll. Vielleicht bin ich als Leserin zu klein für die große Munro? Ich weiß es nicht.

Irgendwo stand einmal, dass der Leser mit seinen Büchern wachse. Wer wachsen möchte, sollte Alice Munro lesen.

4 von 5 Sternen.

In der Reading Challenge 2015 zählt dieses Buch übrigens als A book of short stories.

Mehr zum Buch:

  • Preis: 21,99€
  • Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
  • Verlag: S. FISCHER; Auflage: 4 (3. Dezember 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3100488326
  • ISBN-13: 978-3100488329
  • Originaltitel: Dear Life
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Ein Gedanke zu “Rezension: „Liebes Leben“ (Alice Munro)

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