Interview: Melanie Raabe – „Die Falle“

Heute werdet Ihr Zeuge einer Premiere: Zum ersten Mal gibt es auf meinem Blog ein Autoren-Interview. Ich bin also dementsprechend nervös und hoffe, es gefällt Euch!

Melanie Raabe, deren Erstling „Die Falle“  mir sehr gefallen hat, durfte ich ein paar Fragen auf elektronischem Wege senden und trotz vieler Lesungsreisen hat sie es geschafft, mir sehr schnell ihre Antworten zukommenzulassen.

Vorab: Die Autorin

Melanie Raabe stammt aus Thüringen und wuchs in NRW auf. Vom Studium her könnte ich sie als Kollegin bezeichnen, denn sie studierte auch Medienwissenschaft, dazu aber Literatur und nun lebt und arbeitet sie in Köln. Und sie scheint ein wahres Multitalent zu sein: Sie ist nicht nur Journalistin und Bloggerin, sondern schreibt auch Drehbücher und schauspielert auch am Theater. Auf ihrem Blog – biographilia – führt sie Interviews mit Menschen wie Du und ich und zeigt, wie spannend die ganz „normalen“ Leute eigentlich sind.

Interessant ist, dass die Rechte an „Die Falle“ bereits vor Erscheinen des Buches international verkauft wurden.

Melanie Raabe

Melanie Raabe auf dem LovelyBooks-Lesertreff der LBM 15 – und ich (Foto: Jules Leseecke)

Das Interview

Sarah: Ich frage mich ja beim Lesen oft, wie der jeweilige Autor an die Geschichte herangegangen ist. Deshalb: Wie hast Du „Die Falle“ geplant?

Melanie: Ich habe, nachdem die Idee in meinem Kopf ausgereift war, ein sehr ausführliches Exposé und die ersten zwanzig Seiten geschrieben. Dann habe ich begonnen, den Rest zu schreiben. Dabei bin ich nicht immer chronologisch vorgegangen. Beispielsweise habe ich das Interview, bei dem sich meine Protagonistin Linda und ihr Gegenspieler, der Journalist Victor Lenzen, begegnen, zuerst geschrieben.

Sarah: Faszinierend fand ich dieses Wechselspiel zwischen der „Realität“ von Linda Conrads und der „Fiktion“ in ihrem Buch „Blutsschwestern“. Wie bist Du da beim Schreiben vorgegangen? Und wie genau muss man die einzelnen Details planen, damit man nicht durcheinander kommt, wann und wie der Leser welche Informationen erhält? Gerade bei einem Buch-im-Buch stelle ich mir das schwierig vor.

Melanie: Ich habe zuerst die Rahmenhandlung geschrieben, in der wir Ich-Erzählerin Linda folgen. Erst, als ich damit fertig war, habe ich mich an das Buch im Buch gemacht. Ich habe entschieden, welche Kapitel daraus wichtig sind und in „Die Falle“ enthalten sein sollten. Dann habe ich diese Kapitel geschrieben. Und erst danach habe ich entschieden, an welchen Stellen ich diese Kapitel bringe. Ich plane zwar ein wenig vorneweg, um zumindest eine Marschrichtung zu haben, aber beim Schreiben werfe ich unheimlich vieles davon wieder über Bord. Die besten Ideen kommen einfach beim Schreiben, nicht bei den „Trockenübungen“ im Vorfeld.

Sarah: Während des Lesens hast Du mich mehrfach glauben lassen, dass die Geschichte jetzt eigentlich schon vorbei ist – obwohl da noch viele Seiten im Buch übrig waren. Hat Dich die Geschichte manchmal selbst überrascht?

Melanie: Ja und nein! Hm, wie soll ich das beschreiben? Wenn ich an einer bestimmten Stelle angekommen war, wusste ich stets sehr genau, was als nächstes zu tun ist. Manchmal wich das massiv von dem ab, was ich ursprünglich geplant hatte. Überrascht hat mich das trotzdem nicht, es fühlte sich immer sehr organisch an. Ich lasse mir beim Schreiben alle Freiheiten und folge meinem Bauchgefühl. Das ist ein sehr schöner Prozess.

Sarah: Mir hat sehr gefallen, dass Deine Charaktere nicht eindimensional waren und ich hatte mehrfach das Gefühl, dass Du noch mehr über sie hättest erzählen können, wenn es für die Geschichte notwendig gewesen wäre. Wie muss ich mir das Entwickeln der einzelnen Figuren vorstellen?

Melanie: Ich hatte bereits eine ganze Weile über die Figuren nachgedacht, bevor ich die ersten Zeilen zu Papier gebracht habe. Meine beiden Hauptfiguren, Linda und Victor, hatte ich fast augenblicklich komplett vor Augen. Die waren einfach da, mit allem drum und dran. Ich habe sie insofern – im Gegensatz zu den anderen Figuren im Buch – nicht wirklich entwickelt. Und du hast vollkommen Recht, ich habe das Gefühl, alles über die beiden zu wissen. Ich könnte sie auch in einen ganz anderen Kontext verpflanzen – in einen Science-Fiction-Roman, in ein Fantasybuch, in einen Historienschinken – und wüsste, wie sie dort agieren würden.

Sarah: Und eine Frage wollte ich schon immer mal einem Autor stellen: Wie entscheidet man sich für die Namen der Figuren?

Melanie: Ich habe da zwei Kriterien: Zum einen möchte ich nicht, dass die Figuren wie Menschen heißen, die mir nahe stehen. Und zum anderen sollen die Namen möglichst normal und griffig sein. Also keineswegs abgehoben – es sei denn, die Figur erfordert das. Sie müssen sich einfach richtig anfühlen. Linda Conrads konnte nur Linda heißen für mich. Nicht Monika, nicht Clara, nicht Jacqueline. Sie war einfach eine Linda.

Sarah: Beim LovelyBooks-Lesertreff auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse hast Du erzählt, dass Du schon immer gerne Geschichten geschrieben hast. Welche Autoren haben Dich dabei denn besonders beeinflusst?

Melanie: Es ist schwer für mich abzuschätzen, wer mich beeinflusst hat – zumal ich ein vollkommener Querbeetleser bin. Ich liebe junge deutsche Gegenwartsliteratur, ich liebe die Klassiker, aber ich mag auch Fantasy und Spannung, sogar Science Fiction. Ich habe keine konkreten Vorbilder, aber ich bin mir sicher, dass ich unterbewusst ganz viel über die Verwendung von Sprache, über Dramaturgie, Spannungsbögen etc. aus den Büchern, die ich mir einverleibt habe, aufgesogen habe.

Sarah: Gibt es Elemente aus diesen früheren Geschichten, die in „Die Falle“ mit eingeflossen sind?

Melanie: Ich glaube nicht, nein.

Sarah: In welche Richtungen gingen denn diese Geschichten und dürfen wir uns später mal vielleicht auf eine Veröffentlichung freuen?

Melanie: Das war ganz unterschiedlich. Ich habe mich nie an ein bestimmtes Genre gebunden gefühlt. Die Idee entscheidet, welches Kleid eine Geschichte trägt. Wenn ich Fantasy schreiben wollte, habe ich Fantasy geschrieben. Wenn ich eine Idee für etwas Spannendes hatte, dann habe ich eben das geschrieben. Das ging wirklich kreuz und quer. Ich glaube im Übrigen fest daran, dass man als Autor immer besser wird, insofern kann ich mir nicht vorstellen, dass ich jemals älteres Material veröffentlichen würde. Im Gegenteil, das wäre mir eher unangenehm! 😉

Melanie Raabe Die Falle

(Foto: Privat)

Sarah: Zurück zu „Die Falle“. Die Schwester von Linda Conrads, das Opfer, wirkt ja erst einmal wie das Klischee des perfekten und liebenswürdigen Menschen und beim Lesen merkt man, dass Du scheinbar sehr viel Spaß daran findest, mit Klischees zu spielen. Stimmt das? Und wie schwer ist es denn, es beim Schreiben zu vermeiden, dass man keine Stereotypen bedient?

Melanie: Ich mag facettenreiche Figuren, habe aber ehrlich gesagt gar kein Problem damit, auch mal Stereotypen zu bedienen. Ich finde das realistisch. Denn es gibt ja beides. Es gibt Menschen, die sich jeder Charakterisierung und Einordnung in eine Schublade entziehen, und es gibt Menschen, die bestimmten Klischees einfach haargenau entsprechen.

Sarah: Linda Conrads plant die Falle für den Mörder ihrer Schwester bis ins kleinste Detail. Wie viel von ihren Vorbereitungen – Konfrontationstherapie, Verhörtechniken – hast Du selbst ausprobiert?

Melanie: Ich habe mir das meiste einfach nur angelesen. Die Konfrontationstherapie mit der Vogelspinne, wie Linda sie im Buch durchmacht, habe ich zwar selbst auch ausprobiert. Aber ich muss gestehen, dass das keine Recherche fürs Buch war, sondern pure Notwendigkeit, um meine eigene Spinnenphobie wieder in den Griff zu bekommen.

Sarah: Im Buch werden an einigen Stellen Werke von Vincent van Gogh erwähnt. Ich selbst mag seine Gemälde sehr und nun würde mich interessieren: Warum gerade van Gogh?

Melanie: Ich liebe Van Gogh. Vermutlich schwirrte er mir einfach gerade zufällig mal wieder im Kopf herum, als ich die besagten Stellen geschrieben habe.

Sarah: Linda ist ja Autorin, so wie Du. Sie hat ihr Haus seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr verlassen und in ihr kommt das Gefühl auf, weltfremd in ihrer Schreiberei zu sein. Wie gehst Du damit um, dass Schreiben ein eher einsamer Arbeitsprozess ist – oder ist er das für Dich gar nicht?

Melanie: Ich liebe das Schreiben. Ich bin aber auch schlicht und einfach gerne mal alleine und arbeite autark und in Ruhe für mich hin. Einsam fühle ich mich dabei eigentlich nie. Man gerät beim Schreiben sehr schnell in einen „Flow“, in dem man alles um sich herum vergisst. Das ist ein sehr schönes Arbeiten. Und soziale Kontakt kann ich dann ja immer noch nach getaner Arbeit pflegen. 😉

Sarah: Was mich besonders beeindruckt hat, war die Darstellung der Vielschichtigkeit in der Beziehung zwischen Schwestern. Auf der einen Seite die große Liebe und auf der anderen Seite aber auch die vielen Reibereien. Ich bin mal so neugierig und würde gerne wissen, wie Du es geschafft hast, das so erstaunlich realistisch darzustellen – gab es da entsprechende Vorbilder? 😉

Melanie: Da gab es tatsächlich keine Vorbilder. Ich selbst habe auch keine Schwester, sondern einen Bruder, mit dem ich mich extrem gut verstehe. Ich musste trotzdem nicht konkret recherchieren, um diese Beziehung schildern zu können. Man hat doch irgendwie ein ganz gutes Gefühl dafür, wie Beziehungen funktionieren. Ich bin ein guter Zuhörer, ich interessiere mich sehr für Zwischenmenschliches. Da bekommt man einfach ein Gespür für diese Dinge, glaube ich.

Sarah: A propos Vorbilder. Für Dein Blog – biographilia.com – führst Du Interviews mit „ganz normalen“ Menschen. Inwiefern sind diese ganz alltäglichen und doch besonderen Geschichten von fremden Menschen eine Inspirationsquelle für Dich?

Melanie: Oh, die sind eine riesengroße Quelle der Inspiration für mich! Mein Interesse an Menschen ist unendlich. Was denkt xy wenn er morgens aufwacht, was denkt er, wenn er abends schlafen geht? Was bringt ihn zum Lachen, was zum Weinen, was zur Weißglut, was treibt ihn an? Es gibt nichts Inspirierenderes und Geheimnisvolleres, als andere Menschen. Jeder Mensch ist ein eigenes Universum. Magisch und letztlich unergründlich.

Sarah: Man weiß ja nie, was die Zukunft bringt. Bei Autoren, deren Bücher mir gefallen, hoffe ich immer, dass sie ganz bald mehr schreiben werden. Wie sieht das bei Dir aus – gibt es schon Pläne, bzw. darfst oder kannst Du schon etwas verraten?

Melanie: Inhaltlich darf ich dir zwar leider noch nicht viel verraten, aber es wird auf jeden Fall einen würdigen Nachfolger zu „Die Falle“ geben! Ich habe einen Vertrag über zwei Bücher bei meinem wunderbaren Verlag btb. Mein nächstes Buch erscheint voraussichtlich im Herbst 2016.

Sarah: Wenn Du Dir eine Frage – ob zum Buch oder allgemein – selbst stellen dürftest/müsstest, welche wäre das und wie würde die Antwort lauten?

Melanie: Oh, das ist eine tolle Frage! Also: Ich würde mich fragen, was das Coolste ist, was mir in den letzten 24 Stunden passiert ist. Und die Antwort würde lauten, dass mein liebster, deutschsprachiger Autor mir heute auf Twitter geschrieben hat, dass er gerade mein Buch liest. Ich wäre beinahe ohnmächtig geworden, als ich das gesehen habe!

Hach, schön. Danke, dass du mir Gelegenheit gegeben hast, das loszuwerden. Das musste ich jetzt einfach mal mit jemandem teilen. 😉

Das kann ich mir sehr gut vorstellen! 🙂 Vielen Dank, liebe Melanie, für die ausführlichen Antworten und ich freue mich jetzt schon auf Deine nächsten Bücher!

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6 Gedanken zu “Interview: Melanie Raabe – „Die Falle“

  1. Wunderschön *.*
    Die Fragen waren super gestellt und Melanies Antworten sind ja mal einzigartig cool. Sie strahlt ja allein schon durch das getippte Wort soviel Sympathie aus, wie schon auf der Buchmesse in der Realität, wenn man vor ihr steht. *.*
    Es ist wirklich ein tolles Interview geworden.

    • Mensch, Jule, ich kann doch nicht hier im Internet rot anlaufen 😉

      Danke für das Kompliment 🙂 Und ja, ich bin auch absolut begeistert darüber, was für eine tolle Interviewpartnerin sie ist!

  2. Dankeschön, ein tolles Interview! Du hast auch Fragen gestellt, die mich wirklich interessieren, z. B. auch mit den Namen, der Spinnenphobie und wie das Schreiben im Allgemeinen so ist. Super! Außerdem wünsche ich mir nun „Die Falle“ noch dringlicher ;)!

    • Dankeschön 🙂 Ich freue mich, dass die Auswahl der Fragen so gut ankommt! Das war ein Punkt bei dem ich super nervös war. Jetzt geht’s mir besser 😉

  3. Wow, da muss ich doch glatt mal einen begeisterten Kommentar hier lassen bei dem tollen Interview! ❤

    Ich hab das Buch auch vor kurzem gelesen und fand es genial! Melanie habe ich auch beim lb-Treffen auf der LBM gesehen und sie war einfach super sympathisch (vor allem, da sie auch noch vergessen hatte, Werbung für ihr Buch zu machen ^^).

    Wirklich sehr interessante und richtig gute gewählte Fragen, die ich mir beim Lesen auch teilweise gestellt habe (z. B. was davon sie selbst ausprobiert hat und wie sie das Buch im Buch geplant und eingearbeitet hat). Ein ganz ganz tolles Interview, mach weiter so!

    Liebe Grüße

    Kristina aus dem Tintenmeer

    • Liebe Kristina,

      ich sitze hier mit hochrotem Kopf und bin komplett aus dem Häusschen, dass Dir das Interview so gut gefällt! Ich hatte bei der Auswahl der Fragen immer so die Zweifel ob das auch andere interessiert und musste mich dann letztlich einfach auf mein Bauchgefühl verlassen. Umso schöner, dass das Interview so gut ankommt 😀

      Und: Ich hab Dich gleich mal gestalkt (yaaay, neuer Leser – da muss man gleich mal gucken) und allein schon wegen des Blognamens bin ich nun auf „Verfolgungskurs“ – ich liebe das Meer! Gefällt mir gut und ich freue mich, wenn man sich mal wieder liest. Und vielleicht dann nächstes Mal in Leipzig auch sieht 😉

      Liebe Grüße
      Sarah / Estel (äh… aus Dresden ^^)

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