Rezension: „89/90“ (Peter Richter)

Bereits kurz nach Erscheinen dieses Buches wurde ich darauf aufmerksam, aber wie das nunmal bei unzähligen potentiell interessanten Neuerscheinungen ist – viele verliert man auch wieder aus den Augen. Dass ich „89/90“ eigentlich gerne lesen wollte, wurde mir wieder so richtig bewusst, als es auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015 landete.

Was hat mich neugierig gemacht? War es die Tatsache, dass der Roman in Dresden – meiner Wahlheimat – spielt? Lag es daran, dass ich, geboren im März 1990, ein Wendekind bin und zwar das geeinte Deutschland – nicht aber den Umbruch kenne, der dazu führte? Vielleicht war es auch meine Neugier, die ganz persönliche Sicht eines Menschen kennenzulernen, der in einer Zeit groß wurde, über die in meiner Schulzeit nie diskutiert wurde.

Vermutlich waren all diese Punkte schlussendlich ausschlaggebend dafür, dass ich beim Bloggerportal der Randomhouse Verlagsgruppe um ein Rezensionsexemplar bat. Vielen Dank an dieser Stelle für die Geduld beim Warten auf die Rezension.

89_90

(Foto: Privat)

Inhalt:

Die Jahre 1989 und 1990 waren ganz besondere in der deutschen Geschichte – und doch waren es auch Jahre, in denen es den Alltag gab. In denen Jugendliche gegen ihre Eltern rebellierten, Klassenarbeiten schrieben und die richtige Musikrichtung über die Beliebtheit entschied. Auch in der DDR.

Peter Richter war damals Jugendlicher, lebte in Dresden und beschreibt, was er zwischen dem Sommer vor der Wende bis zum Herbst der Wiedervereinigung erlebte. Er erzählt von Freibadnächten, den langweiligen Stunden in der Schule, dem „vormilitärischen Unterricht“ und dann dem Umbruch, der den ganzen Freundeskreis durcheinander wirbelte. Er erzählt von einer Welt, die von gefühlt überall vorherrschender Langeweile in tausend Scherben unterschiedlichster Möglichkeiten zersprang und von Freunden, die vorher entweder blöd oder toll waren, bei denen man aber nun zwischen links und rechts zu unterscheiden hat.

Wie ist das, wenn sich um einen herum die Welt drastisch verändert und man am nächsten Tag dennoch im Schulunterricht erscheinen muss?

Peter Richter erzählt in seinem autobiografischen Roman, wie er damals diese Diskrepanz erlebte.

Mein Eindruck:

Ich hatte kaum die ersten fünfzig Seiten des Buches gelesen, da wurde mir von einer Bekannten, der ich das Buch gegenüber erwähnte, beinahe schnippisch entgegengeworfen, dass solche Bücher überflüssig seien, schließlich wäre das damals nie und nimmer so gewesen.

Sie sprach damit – wenn auch auf eine fragwürdige Art und Weise – die Frage an, die ich von Anfang an im Kopf hatte: Wieviel davon ist wahr?

Wie ich diese Frage für mich selbst beantwortet habe und wie ich folglich an die Lektüre heraning, möchte ich hier kurz darlegen, damit Ihr meine Meinung zum Buch besser einschätzen könnt.

Objektivität gibt es nicht, jede menschliche Wahrnehmung ist durch dessen Perspektive und nicht zuletzt durch die inneren Einstellungen eines Menschen verzerrt. Zudem kann unser Gehirn niemals alle Informationen, die auf uns einströmen, zu 100% verarbeiten, weshalb auch das unsere Wahrnehmung beeinflusst. Jeder Zeitzeugenbericht – und nichts anderes ist „89/90“ – muss dementsprechend kritisch betrachtet werden und eine Verallgemeinerung ist in der Regel nicht möglich. Die Erlebnisse, die Peter Richter in seinem Buch schildert, sind die seinen, andere Personen, die zur gleichen Zeit im gleichen Alter waren und auch in Dresden lebten, mögen andere Erlebnisse gemacht haben. Dennoch sollte man nicht unmittelbar an dem Wahrheitsgehalt seiner Worte zweifeln oder ihm gar absprechen, ein glaubwürdiger Zeitzeuge zu sein (wie durch die oben erwähnte mir bekannte Person passiert).

Was Peter Richter beschreibt wirkte auf mich zunächst ein wenig surreal. Ich lebe zwar in Dresden, kenne es aber erst seit 1995 und auch wenn die rasante Entwicklung der Stadt zu dem Zeitpunkt erst Fahrt aufnahm, ist doch auch vorher schon einiges passiert und das beschriebene Dresden war mir sowohl sehr vertraut als auch zugleich sehr fremd. Die Beschreibung Dresdner Plätze, Straßen und Sehenswürdigkeiten rief in mir immer eine Art „Aha“-Moment hervor, der mich zugegebenermaßen ein wenig im Lesefluss störte. Das lag jedoch weniger an Peter Richters Schreibweise, als vielmehr daran, dass ich immer gleich versuchte, mir die damalige Kulisse vorzustellen.

Auch die Tatsache, dass ich – als Kind westdeutscher Eltern – nie direkt etwas über die DDR und das Leben hier neben den üblichen Informationen aus TV-Dokus erfuhr, machte die Beschreibungen des Jahres 1989 sowohl besonders interessant als auch ein Stück weit befremdlich. Insbesondere die Erzählungen zum „vormilitärischen Unterricht“ fand ich reichlich paradox. Der Drill, die geforderte Uniformität der Jugendlichen war für mich beim Lesen symbolhaft für das angestrebte Ideal der DDR. Gleichzeitig war es beklemmend zu lesen, wie langweilig das Leben in der DDR für Peter Richter gewesen sein muss. Vor allem seine Beschreibung des – wahrlich stupide wirkenden – Arbeitsalltags in einer Fabrik, der mittels eines besonderen Unterrichtsfachs kennengelernt werden sollte, zeigte mir, wie sehr sich das damalige Leben von meinen Lebenszielen zu unterscheiden scheint. Ich persönlich bin froh, in meiner aktuellen Tätigkeit viel Abwechslung zu haben, sodass kein Tag wie der andere ist. Das komplette Gegenteil bis zur Rente Tag für Tag mitmachen zu müssen, ist für mich, ehrlich gesagt, eine Horrorvorstellung.

Erschreckend war die Beschreibung der Entwicklung in Peters Freundeskreis: Waren die Jugendlichen vor der Wende scheinbar eher unbeteiligt, was politische Ideen anbelangt, drifteten sie nach der Wende auseinander. Entweder man war links oder rechts – etwas dazwischen gab es nicht. Politische Ideen und neue Gruppierungen wurden plötzlich so interessant wie vorher Musikgruppen und die Musik bestimmter Gesinnungen unterschied die Lager noch weiter voneinander. Die Gewalttätigkeit, die Peter Richter erlebte, kann ich mir selbst kaum vorstellen, wohl aber die stark kontrastierte Unterscheidung beim Gedankengut. Auch aktuell habe ich in Dresden das Gefühl, dass nicht differenziert diskutiert werden kann – entweder man ist dem rechten Lager zuzuordnen oder komplett links. Schattierungen gibt es, von dem was ich wahrnehme, zwar im Bekannten- und Freundeskreis – in den Medien und Fremden gegenüber dominiert jedoch die Unterscheidung zwischen den zwei besagten Richtungen. Dass ein komplexer und kritischer Diskurs vermutlich zielführender wäre, ist dem Einzelnen vielleicht klar, im Großen und Ganzen scheint das aber aktuell unmöglich.

Ähnlich wirkte der Tenor des gesamten Buches „89/90“ auf mich: Entweder – oder, nichts dazwischen. Diese Ausschließlichkeit in der Gesellschaft, die Peter Richter damals erlebte, verdeutlicht er mit starken, teils drastischen Worten, einem feinsinnigen Humor und vielen Erklärungen, die es jedem Nicht-Dresdner oder Nicht-DDR-Bürger ermöglichen, seine damaligen Erlebnisse zu verstehen.

Fazit:

Ich möchte hier gar nicht erst anfangen, zu diskutieren, ob „89/90“ auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gehört hat. Vielmehr möchte ich es jedem ans Herz legen, der sich für die Wendezeit oder die politische Situation in Dresden interessiert. Ganz so, wie man mit Zeitzeugenberichten umgehen soll, würde ich mir wünschen, dass die Leser von Peter Richters Buch sich mit der Thematik auseinandersetzen und ihre eigene Meinung bilden.

Gerade, weil mir die Thematik – auch vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse – sehr am Herzen liegt, habe ich lange überlegt, wie ich das Buch in meiner üblichen Stern-Bewertung einordnen möchte. Da ich es insbesondere zum Schluss hin an einigen Stellen etwas langatmig fand und mir seine Erzählungen dort pointierter gewünscht hätte:

4 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:

  • Preis: 19,99 €
  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag; Auflage: EA, (9. März 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3630874622
  • ISBN-13: 978-3630874623

 

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Ein Gedanke zu “Rezension: „89/90“ (Peter Richter)

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