Gute Fantasy – seltenes Gut?

Als ich letztens so mein Bücherregal ansah, wurde mir einmal mehr bewusst, wie viele Fantasy-Romane sich darin stapeln: Von Harry Potter über Der Herr der Ringe, Nevermind und Büchern von Walter Moers bis hin zu – natürlich – Terry Pratchett. Und dabei formte sich in meinem Kopf eine Frage: Was macht all diese Bücher – in meinen Augen – zu guter Fantasy? Und warum lese ich in letzter Zeit immer weniger in diesem Genre, warum mache ich selbst bei Mängelexemplar-Tischen (bei denen das finanzielle Risiko einer literarischen Enttäuschung geringer ist) einen großen Bogen um den „neuen Harry Potter“ oder das Buch, dass sich vermeintlich „nicht vor einem Vergleich mit Tolkien fürchten muss“?

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(Foto: Privat)

Vielleicht muss ich ein wenig ausholen

Mein Einstieg in fantastische Werke begann an Weihnachten 1999 mit Harry Potter. Mich begeisterte auf Anhieb diese Welt, die in den Büchern verborgen neben der unseren existierte und ich begann, nach weiteren Büchern dieser Art Ausschau zu halten. Damals (und nun komme ich mir ein klitzekleines bisschen alt vor) musste man ja noch auf die Folgebände warten und diese Zeit irgendwie überbrücken. Dann in der Schule gab es bei uns eine Aktion, die bei dieser Warterei hilfreich war: Einmal im Monat konnte man Bücher aus einem Katalog bestellen, der extra für die jeweilige Altersgruppe zugeschnitten war. Fragt mich bitte nicht, wie dieses Angebot genau funktionierte, jedenfalls: Ich stürzte mich mit Begeisterung auf die Bücher und bat meine Eltern immer wieder, mir dieses oder jenes Buch zu bestellen.

Dabei war auch Im Schatten des Hexenmeisters von Thorsten Lipinski. Zu dem Zeitpunkt fand ich die Geschichte toll – stellte jedoch ein paar Jahre später beim Lesen von Der Herr der Ringe erstaunliche Ähnlichkeiten fest. Das beschlich mich zum ersten Mal die Erkenntnis, dass es – zumindest im Bereich der Fantasy – Bücher geben kann, die auf den Zug des Erfolges anderer Werke aufspringen. Denn ganz im Ernst? Wie oft wird in Fantasy-Werken ein böses Artefakt unter größten Strapazen von den Helden vernichtet? Wie oft erfährt ein scheinbar unbedeutendes Kind, dass es nicht nur übermenschliche Fähigkeiten besitzt, sondern auch dazu bestimmt ist, den größten Bösewicht aller Zeiten zu besiegen?

Wenn also viele Fantasy-Bücher so ähnliche „Strickmuster“ aufweisen, was macht dann gute Fantasy aus?

Gut heißt für mich…

vor allem eines: Überraschend. Okay, das klingt zugegebenermaßen abgedroschen und auch nicht sehr konkret, aber es ist so. Wenn mich ein Buch überzeugen möchte – ob nun im Genre Fantasy oder nicht – muss es mich mit den Charakteren und der Handlung überraschen. Für Fantasy-Romane bedeutet das, dass es zwar allgemein bekannte Fantasy-Elemente geben darf, die mir im Buch bekannt vorkommen, ich diese aber nicht unbedingt wie ein wandelndes Klischee handeln sehen möchte.

Am besten erkläre ich das an einem Beispiel:

In „Die Wanifen“ von René Anour erfährt das Mädchen Ainwa, dass es besondere Fähigkeiten hat. Soweit, so bekannt. Im Gegensatz zu den bekannten „Mensch entdeckt magische Fähigkeiten“-Klischee, wird Ainwa aber gleich nicht nur mit ihrer wahren Natur konfrontiert. Sie muss auch erfahren, dass der magische Bund, den sie mit ihrem Bruder einging, herbe Konsequenzen hat. Einzelheiten über die verschiedenen Aspekte der Welt, in der Ainwa lebt, erfährt man als Leser nur nach und nach – stets fragt man sich dabei, wie es weitergehen könnte. Und selbst das scheinbar „rein böse Element“ im Buch wird durch die verschiedenen Verstrickungen so komplex, dass man nicht einfach behaupten kann, Ainwa müsse es nur besiegen.

Auch Ainwas Welt hat letztlich eine Parallelwelt – was aber dadurch faszinierend bleibt, da René Anour hier in einer fiktiven Welt eine weitere fantastische Wel, die Geisterwelt, eingebaut hat. Die Geisterwelt ist in Ainwas bisherigem Leben nur als Legende oder Hirngespinst abgetan worden, auch wenn einst bekannt war, dass es sich um eine durchaus reale Parallelwelt handelt. Gerade das  Spiel mit verschiedenen Realitäten und dem Wissen um diese, machte die Geschichte sehr reizvoll für mich. „Die Wanifen“ spielen eben nicht in einer Welt aus Schwarz- und Weißtönen – immer gibt es Grautöne, welche die Handlung komplexer, fantastischer und spannender gestalten. Und das ganz ohne den Leser mit zu vielen Informationen zu verwirren.

Dazu kommt bei diesem Buch – das mir lange in Erinnerung geblieben ist – dass die Charaktere alle vielschichtig wirken und authentisch agieren. Nichts ist in meinen Augen schlimmer, als wandelnde Klischees in Büchern. Ein starker Charakter ist nie nur stark und eine Figur mit vielen Sorgen und Problemen kann durchaus über sich hinaus wachsen. In „Die Wanifen“ faszinierte mich besonders, dass keine Figur „die Weisheit mit Löffeln gefressen“ hatte und nach und nach immer mehr Geheimnisse ans Tageslicht kamen. Auch hier waren es die Grautöne, die alles so greifbar und real wirken ließen.

Also: Gute Fantasy?

Fantasy – und Literatur allgemein – bedient sich immer bekannter Schemata: Gut gegen Böse, verschiedene Archetypen, bekannte – und reizvolle – Konflikte.

Fantasy sollte aber vor allem eines sein: Fantasievoll. Für mich bedeutet das, dass der Autor sich gerne der bekannten Elemente bedienen kann, diese dann aber entsprechend der von ihm geschaffenen Welt anpasst. Ein Terry Pratchett lässt beispielsweise den Sensenmann, Gevatter Tod, über seine Scheibenwelt laufen – und auf einem Pferd namens Binky reiten. Da wird sofort deutlich, dass die Scheibenwelt herrlich absurd und stellenweise satirisch angelegt ist. Eine Joanne K. Rowling nahm sich diverse Fabelwesen aus der Mythologie und hauchte ihnen neues Leben ein – der Phönix aus der Asche als treuer Wegbegleiter eines weisen Mannes, der gutmütige Halbriese als Vertrauter und Freund des Helden-Trios.

Wie Ihr an diesem langen Beitrag leicht feststellen könnt, ist es für mich gar nicht so leicht, gute Fantasy-Literatur genau zu beschreiben. Vielleicht muss das auch so sein – schließlich würde eine genaue Definition auch das fantastische Element entfernen? Wer weiß.

Was denkt Ihr denn? Was ist für Euch Merkmal spannender und einzigartiger Fantasy?

Übrigens – wenn Euch mein Hinweis auf René Anour neugierig auf „Die Wanifen“ gemacht hat, habt doch in den kommenden Tagen und Wochen mal ein Auge auf seine Facebook Seite. Ich hab da so eine Info, dass es bald ein Gewinnspiel geben könnte 😉

 

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15 Gedanken zu “Gute Fantasy – seltenes Gut?

  1. Huhu 🙂

    Für mich muss gute Fantasy vor allem eines sein: originell und vielschichtig. Je komplexer, desto besser. Charaktere, Weltendesign, Plot – alles sollte mich fordern und zum nachdenken anregen. Ich liebe es, wenn Fantasy eine politische, soziale und wirtschaftliche Ebene hat, weshalb die High Fantasy meine große Liebe ist. Mittlerweile weiß ich, was mir gefällt und liege dementsprechend nur noch selten daneben, wenn ich dieses Genre zur Hand nehme. Perlen muss man eben suchen. 😉

    Viele liebe Grüße,
    Elli

    • Hallo Elli,

      richtig – Perlen sind halt selten, machen dafür aber umso mehr Spaß 🙂 Den Reiz der High Fantasy kann ich sehr gut verstehen – auch wenn ich da ab und an das Gefühl habe, dass mir eine Art Mittelerde präsentiert wird, das sich nur ein wenig anders „verkleidet“ hat. Weißt Du was ich meine?

      Welches sind denn Deine Geheimtipps?
      Liebe Grüße
      Sarah

      • Hey Sarah,

        Solche Romane gibt es natürlich, da stimme ich dir zu. Darum greife ich ganz gern zu Grenzgänger-High Fantasy. Damit meine ich Literatur, die sich auf dem schmalen Grad zwischen High und Low Fantasy bewegt.

        So geheim sind die gar nicht. 😀
        „Eragon“, „Locke Lamora“, „A Land Fit for Heroes“, „Powder Mage“, „ASOIAF“, „Das Geheimnis der Großen Schwerter“, „Das Spiel der Götter“, „The First Law“… 🙂

        Viele liebe Grüße,
        Elli

      • Hi Elli,

        wow, was für eine Liste! Ganz ehrlich? Nur Eragon sagt mir etwas (nie gelesen) und „ASOIAF“ ist noch so die „les ichs oder nicht“-Phase, denn es sind ja schon richtige Wälzer 😉

        Vielen Dank für die Anregungen – da wächst die Wunschliste sicher ganz schnell 😉

        Liebe Grüße
        Sarah

      • Einen Teil dieser Liste hab ich auch rezensiert, schau doch mal vorbei, dann bekommst du einen ersten Eindruck. 🙂
        Gern geschehen! ASOIAF solltest du lesen, wenn du auf High Fantasy stehst. Es lohnt sich wirklich. 🙂

        Viele liebe Grüße,
        Elli

      • Ui, da schreibe ich mir das gleich mal für Freitagabend (da hab ich hoffentlich eine freie Minute) auf 😀 Blogbesuch bei Elli – ist gebongt 🙂 Und bei ASOIAF… mal sehen 😉

        Liebe Grüße
        Sarah

  2. Also ich lese gerne Fantasy. Zwar nicht die dicken Wälzer, aber doch würde ich die meisten Bücher in die Kategorie Fantasy werfen. Bei mir müssen Reihen vor allem überdacht sein und logisch stimmig. Harry Potter wäre dafür das Paradebeispiel.
    Auch mag ich es, wenn das Gute und Böse in einander verschwimmt, so wie in Game of Thrones. Einer meiner Lieblingscharaktere ist und bleibt joffrey, weil er mich so begeistern konnte mit seinem Wahnsinn. ^^

    Also ich finde deinen Beitrag toll. Tolkien ist jedoch gar nicht mein Fall, der Hobbit hat mir gar nicht gefallen und von der Herr Ringe bin ich auch kein so großer Fan. – Ich fand es so langweilig, wie sie von Punkt A nach Punkt B gehen und immer wieder passiert dasselbe.

    Liebe Grüße,
    Sarah

    • Hallo liebe Namenskollegin 🙂

      Vielen Dank für Deinen Kommentar – ich freue mich, dass nicht nur ich die Grautöne zu schätzen weiß. Schade, dass Dir Tolkiens Werke nicht so gefallen – aber was nicht ist, das ist halt nicht. Dafür hast Du sicher andere Tipps auf Lager (das ist ein dezenter Zaunpfahl 😉 ). Man muss ja auch nicht immer das gleiche mögen. Gerade gestern habe ich mit Freunden diskutiert, dass es ja so viele verschiedene Untergenres von Fantasy gibt, dass man fast den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann. Das hat aber auch den Vorteil, dass jeder das findet, was er mag. Selbst meine Ma, die Fantasy so gar nicht mag, liest wahnsinnig gerne die Outlander-Reihe von Diana Gabaldon.

      Game of Thrones ist übrigens immer noch so eine Reihe, die ich mal lesen möchte, aber… die liebe Zeit 😉 Na, was nicht ist, kann noch werden.

      Liebe Grüße
      Sarah

  3. Pingback: Interview: René Anour – “Die Wanifen” | Studierenichtdeinleben

  4. Pingback: Rezension: “Die Wanifen – Geisterfeuer” | Studierenichtdeinleben

  5. Hey,
    interessanter Beitrag. Ich glaube an kein anderes Genre werden so viele unterschiedliche Ansprüche gestellt, wie an die Fantasy. Sie hat es wirklich nicht leicht 😉
    Ich lese sehr gerne High Fantasy. Mag wie Elli sehr gerne sehr komplexe Romane, mit politischem Hintergrund. Wie z.B. die Geralt Bücher von Sapkowski. Ich lese aber auch gern Fantasy, weil ich die fremden Welten sehr faszinierend finde, weil der Fantasie eben keine Grenzen gesetzt sind und alles möglich ist. Ich lese aber auch einfach gerne Heldengeschichten. Mag heroische Sagen mit großen Schlachten.
    Von Harry Potter habe ich die ersten 3 Bände gelesen und mochte es wohl gern, es hat mich aber nicht so gepackt wie viele andere. Irgendwann lese ich vielleicht auch mal noch die anderen Bände.

    Viele liebe Grüße
    Nanni

  6. Pingback: [Die Sonntagsleserin] März 2016 | Phantásienreisen

  7. Gute Fantasy… gute Frage.
    Mal Überlegen: Neil Gaiman schreibt tolle Parallelwelten direkt in unsere wirkliche Welt hinein („Neverwhere“ und „American Gods“).
    Das tun Derek Landy und J. K. Rowling auch, wenn auch kaum vergleichbar und auf eine ganz andere Weise, die ich aber nicht minder gerne gelesen habe. („Skullduggery Pleasent“ und „Harry Potter“)
    Joe Abercrombie schafft es Bücher ganz ohne Die Guten zu schreiben, alle sind verwerflich und keiner ist wirklich gut aber jeder auf seine Art ein Sympathieträger.
    Als alter Rollenspieler habe ich auch Romane zu ShadowRun, Das Schwarze Auge und AD&D gelesen. Einige der ShadowRun-Bücher sind lesbar, AD&D meist Hirnverschonend und Das Schwarze Auge leider nur grottig.
    „Elric von Melnibone“ hat mich unangenehm berührt, war für mich aber nicht aus der Hand zu legen.
    J.R.R.Tolkien ist ein Thema für sich. „Der Herr der Ringe“ schafft es wie kein anderes Buch meine Fantasie zu beflügeln, obwohl es ziemliche Längen hat, „Der Hobbit“ hat mich nie auch nur motivieren können es bis zum Ende zu lesen und das „Silmarillion“ geht für mich gar nicht.
    „Das Jesusvideo“ hat mich mit der neu aufgelegten Idee der Zeitreise und dem Spiel mit den Dogmen der christlichen Religion sehr fasziniert.
    Bücher wie die „Drachenlanze“ kann man als Erwachsener nicht mehr ohne Schmerzkrämpfe lesen, obwohl sie wirklich schön waren, als man noch jung und naiv war.
    Ottfried Preußler und Michael Ende nehme ich immer mal wieder in die Hand und nicht nur um es den Kindern vor zu lesen.
    Und jetzt soll ich den Finger auf den gemeinsamen Nenner der guten Fantasybücher legen? Ich kann es nicht. Egal ob Geschichten mit Elfen, Zwergen und Drachen oder an der Grenze zum Science Fiction bzw. wirkliche SciFi mit Raumschiffen und KI: Ich kann nicht sagen, was den Charme an der Sache ausmacht. Mal ist es die Gestaltung der Charaktere (für mich ist Samweis Gamdschie der wirkliche Held des Buches!) ma eine schön ausgestaltete Welt zum träumen undl das gelungene Gedankenexperiment und das nächste mal ganz etwas anderes.
    Also warte ich hier mit Euch zusammen auf jemanden der die Antwort kennt und uns verrät.
    Der M.

    • Lieber M.,
      Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar – und ich kann Dir nur zustimmen. Oft gibt es halt viele unterschiedliche Dinge, die ein Buch – nicht nur im Genre der Fantasy – faszinierend machen. Das ist vermutlich der Trick der Autoren, den sie selbst auch nicht so genau kennen. Frei nach Walter Moers ist es vielleicht das „Orm“? 😉
      Liebe Grüße,
      Sarah

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