Interview: René Anour – „Die Wanifen“

In meinem letzten Beitrag ging es ja um die Merkmale guter Fantasy – also was gute Fantasy, für mich ausmacht. Ich habe darin von René Anours Buch „Die Wanifen – Seegeist“ gesprochen, welches ich vor einigen Jahren im Rahmen einer autorenbegleiteten Leserunde auf LovelyBooks gelesen habe. Damals, das habe ich auch in meiner Rezension geschrieben, habe ich sehr gehofft, eine weitere Geschichte zu Ainwa lesen zu dürfen. Nun liegt hier „Die Wanifen – Geisterfeuer“ vor mir und ich bin wieder absolut begeistert! Noch mehr freut es mich jedoch, dass René sich zu einem kleinen Interview bereiterklärt hat. Und psst… Bald gibt es bei ihm was zu gewinnen!

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Mein Interview-Partner (Foto: R. Anour)

Wie kamst Du auf die Idee zu „Die Wanifen – Seegeist“?

Ich glaube, man kann nur über etwas schreiben, das einen selbst begeistert, für das man Leidenschaft empfindet. Ich habe einen Teil meiner Kindheit am Attersee verbracht. Die Natur dort kann ziemlich beeindruckend sein und beim Tauchen habe ich ein paarmal Reste von prähistorischen Pfahlbaudörfern gesehen. Ich habe mir sehr oft ausgemalt, wie es dort vor tausenden Jahren ausgesehen haben muss, wie wild und mystisch die Natur auf die Menschen gewirkt haben muss, welche Tiere es gab, die vielerorts schon verschwunden sind… Genauso habe ich mir spielerisch angesehen, was dort so alles wächst und wie man es medizinisch verwendet haben könnte. Gleichzeitig fand ich, dass der Alpenraum eine sehr lebendige Mythologie hat, die (vielleicht auch weil englisch/amerikanische Filme/Bücher so beliebt sind) nie so sehr thematisiert worden ist. Perchten, Salkweiber, Raurackl, Tatzelwürmer, der Alb, diese und mehr Kreaturen erhalten in der Geschichte ihren Platz. Das alles war der Nährboden für das, was ich mittlerweile gerne als „Alpenfantasy“ bezeichne. und bin natürlich gespannt, wie es bei den Leuten ankommt.

In „Die Wanifen“ erschaffst Du ja eine ganz eigene Parallelwelt mit den Geistern – wie bist Du an die Entwicklung dieser Welt herangegangen?

Ich wusste ich wollte eine duale Welt, eine die vor, und eine die hinter dem Schleier der Wirklichkeit liegt. Der Gedanke, dass es Menschen gibt, die gemeinsam mit Wesen der Geisterwelt eine Brücke zwischen den Welten bilden, hat mich fasziniert. Mir kam die Idee, dass die Geister nur Menschen auswählen würden, die ihnen im Charakter ähnlich waren, sodass jeder Wanife nur Kräfte erhält, die irgendwie zu seiner Persönlichkeit passen. Auch die Beziehung zwischen einem Wanifen und seinem Seelengeist war etwas, was ich weiter erkunden wollte, genauso wie die Geisterwelt an sich. Genauso wie der Protagonistin, gibt die Geisterwelt auch mir ihre Geheimnisse nur stückchenweise preis und ich lerne noch.

In „Die Wanifen – Seegeist“ lernt man als Leser sehr viele Charaktere kennen. Wie muss ich mir die Figurenentwicklung vorstellen? Gibt es sowas wie „Charakterblätter“ oder hast Du alle Informationen im Kopf?

Die Hauptfiguren hatte ich mir vorher fix und fertig ausgedacht und sie kamen auch ungefähr so wie sie schlussendlich in der Geschichte auftauchen aus meinem Kopf, ohne Charakterblätter, Zeichnungen oder Ähnliches. Hätte ich gezeichnet, hätte es leider ziemlich lustig ausgesehen. Die Ausnahme bildet Rainelf, ein sehr zwiespältiger Charakter. Er war beim Schreiben plötzlich einfach da, mit all seinen Widersprüchen und Geheimnissen, die mir selbst erst nach und nach beim Schreiben bewusst wurden. Ich dachte, mir, ok, mal sehen, was du so alles treiben wirst … Es hört sich seltsam an, aber ich wusste wirklich noch nicht, wie wichtig er für die Geschichte werden würde. Überrascht hat mich dann, dass viele Leser ihn wirklich mochten.

Gibt es Dinge, die Dir beim Schreiben besonders schwer oder leicht fallen? Hast Du einen Trick, wie Du schwierige Stellen meisterst?

Ganz, ganz schwer fallen mir „Actionszenen“, schnelle Bewegungsabläufe, da muss ich mir überlegen wie das physisch funktionieren kann, vielleicht sogar manches selbst ausprobieren und dann möglichst exakte Worte dafür zu finden. Da brauche ich oft mal länger. Dialog dagegen ist für mich einfach. Da ich es gern tue, schieße ich manchmal übers Ziel hinaus, und muss dann bei der ersten Überarbeitung gerne mal ein Drittel des gesprochenen Worts wegstreichen, da man es oft gar nicht braucht. Das, was nicht gesagt wird, ist meistens ohnehin viel interessanter.

Bis Band zwei – „Die Wanifen – Geisterfeuer“ – herauskam hat es ja ein wenig gedauert. Hattest Du direkt am Ende von Band eins schon eine Idee, wie die Geschichte weitergehen könnte, oder kam dieser Punkt erst später?

Das stimmt, obwohl ich schon sehr bald wusste, wie Band 2 aussehen würde, wie es weitergehen würde, sogar über einen zweiten Band hinaus. Ich könnte mich sofort hinsetzen und in diesem Universum weiterschreiben. Es gäbe viele spannende Geschichten zu erzählen und ich fühle mich in diesem Universum mittlerweile so zu Hause, dass es mir leicht fallen würde. Aber, was das anbelangt, bin ich auch pragmatisch: bevor ich weiterschreibe, muss ich auch das Gefühl haben, dass die Leser sich diese Geschichten überhaupt wünschen. Ich lege sehr viel von mir in eine Geschichte: Zeit, Gefühl, Fantasie … und ich muss auch das Gefühl haben, dass es dafür Adressaten gibt – so wie meine Nichte. Sie ist zwölf, also eigentlich zu jung für die Geschichte, aber sie hat das Buch in einem einzigen Tag verschlungen und treibt mich seither an „endlich weiterzumachen“. Magst Du verraten, welches Geistzeichen Du hast? Mir hast Du damals den Alb zugeordnet „wink“-Emoticon Haha das ist eine super Frage. Ich wünschte, ich könnte mit so einem interessanten Geistzeichen aufwarten wie du. Der Alb ist ein sehr extremes Wesen und Menschen mit einem Alb als Seelengeist sind jedenfalls eins: unglaublich interessant. Sie sehen bei anderen Menschen bis in die tiefsten Tiefen des Unterbewusstseins. Jede Schwäche kommt ans Licht, egal ob der betreffende will oder nicht. Ein Alb ist zwar einerseits ein finsteres Geschöpf, aber kein Seelengeist besitzt wie er die Gabe eine tiefgreifende Heilung auszulösen. Wer Menschen durchschaut, kann entscheiden, was er damit tut: zerstören oder aufbauen. Ich denke bei mir ist es eher der Tatzelwurm. In der Mythologie der Wanifen ist er eine blinde Kreatur, die einerseits einen etwas schrägen Humor (hier finde ich mich am meisten wieder) verleiht, andererseits auch ein Gespür für die Gefühle anderer, sowie ein gesundes Maß an Intuition.

Nun eine Frage, die ich gerne stelle, weil Dein Buch für mich damals eine Art „Aha-Effekt“ hatte. Ich fand darin nämlich zum ersten Mal seit langem wieder eine richtig originelle Fantasy-Geschichte. Deshalb: Was macht für Dich gute Fantasy aus? Und welche Frage würdest Du Dir selbst gerne einmal stellen?

Also zuerst zur Fantasy … Ich glaube, ein Buch wird dann gut, wenn es sich einer klaren Schublade entzieht. Diese strikte Kategorisierung schränkt die Autoren zu sehr in ihren Ideen ein. Es lässt einen glauben, man dürfte nur den hundertste Vampir, Werwolf, Elfen, Orks oder Panem Geschichte schreiben und genau das wollen viele nicht mehr. Gute Fantasy führt den Leser in eine ganz neue Welt und damit meine ich nicht, dass sie nicht in der realen Welt spielen soll. Man muss etwas Neues erschaffen oder etwas Altes auf neue Weise erzählen. Schon die Grundidee soll so sein, dass man sich denkt, ja, das würde ich wirklich gerne lesen, das fasziniert oder berührt mich. Ich habe ein paarmal gesagt bekommen, eigentlich mag ich keine Fantasy, aber das hat mir gefallen… Das war vielleicht das größte Lob, an das ich mich erinnern kann.

Eine Frage an mich selbst? Ok, du hast es so gewollt René, erzähl mal von einem richtig peinlichen Erlebnis, in das du verwickelt warst. Die erste, (von vielen) die mir einfällt: während meiner Studentenzeit nach einer abendlichen Feier bin ich zu spät in eine Pflichtvorlesung gekommen. Als ich die Tür zum Hörsaal aufgemacht habe, haben sich an die hundert Augenpaare (inklusive dem des Professors) auf mich gerichtet. Es war mucksmäuschenstill. Niemand hat etwas gesagt, alle haben nur geglotzt. Ich wollte mir möglichst unauffällig einen Platz suchen, als ich auf der Treppe dermaßen spektakulär gestürzt bin, dass der ganze Hörsaal in tosendes Gelächter ausgebrochen ist. Klassisch, würde ich sagen

Vielen Dank für die sehr spannenden Antworten, lieber René!

Und wer von Euch nun neugierig geworden ist – haltet mal weiter Ausschau auf Renés Facebook Seite 😉

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Links das alte Cover des ersten Bandes – rechts der zweite Teil (Foto: Privat)

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Ein Gedanke zu “Interview: René Anour – „Die Wanifen“

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