Rezension: „Jetzt, Baby“ (Julia Engelmann)

Vielleicht habt Ihr auch Julia Engelmanns Poetry Slam „One Day“ auf YouTube gesehen und Euch – ähnlich wie ich – gefragt, wie diese junge Frau so sehr ins Schwarze der eigenen Gefühlswelt treffen kann. Dieser Gedanke ging mir ebenfalls durch den Kopf, als ich das erste Buch mit Texten von ihr – „Eines Tages, Baby“ – gelesen habe. Durch Zufall sah ich beim Stöbern auf dem Bloggerportal, dass gerade ein neues Buch herausgekommen ist.

engelmann

(Foto: Privat)

Inhalt:

Es geht um Gefühle, die das Erwachsensein mit sich bringt. Um den täglichen Kontrollverlust, den wir Leben nennen, um Personen, die uns in der Welt Halt geben und Dinge, die wir tun, um unsere Existenz mit Sinn zu füllen. Es geht um die großen wie um die kleinen Fragen, um Angst und Mut, Hoffnung und auch ein wenig Starrsinn im Angesicht der Unsicherheit.

Mein Eindruck:

Ich war immer besser darin, Gedichte zu interpretieren, als meine Emotionen, die durch die Gedichte hervorgerufen wurden, zu analysieren. Dennoch, ich gebe mein Bestes.

„Jetzt, Baby“ könnte man theoretisch an einem Tag – oder gar einem Nachmittag – durchlesen. Dann jedoch würde man im Leserausch wohl die sprachlichen Feinheiten und die subtil eingeflochtenen Bilder verpassen. Ich habe viele der Gedichte laut für mich gelesen und den einzelnen Versen und Strophen nachgelauscht. Beeindruckt war ich abermals davon, wie Julia Engelmann mit wenigen Worten die Gefühle auszurücken vermag, die mich bewegen und mich manchmal auch nächtelang nicht schlafen lassen.

Liegst du niemals nachts wach
und resümierst noch den Tag
und fragst dich,
wie das die anderen machen?

Julia Engelmann, 2016, S. 9 ff.

Für mich besteht die Kunst bei Gedichten darin, den Lesern persönliche Gedanken so zu vermitteln, dass sich diese angesprochen und mit ihren eigenen Gefühlen verstanden fühlen. Nicht jeder fühlt gleich, nicht jeder durchlebt ähnliche Situationen – deswegen kann ich auch nicht mit jedem Gedicht etwas anfangen. Auch in diesem Gedichtband war nicht jeder der Texte so, dass ich mich immer vollständig verstanden fühlte – in den meisten Gedichten konnte ich mich aber wiederfinden. Denn auch, wenn ich keinen Bruder habe, weiß ich doch, wie es ist eine Schwester zu haben.

Genau diese Möglichkeit, Bedeutungen zu übertragen, gefiel mir ebenso, wie die unaufdringliche Art, mit der die Gedichte geschrieben sind. Julia Engelmann schreibt fragend, nie anklagend. Sie schreibt überlegt und leise, aber dennoch nicht zurückhaltend. Sie schreibt mit viel Gefühl und doch scheinbar einem kühlen Kopf, denn die Bilder, die sie im Kopf des Lesers – oder Zuhörers – heraufbeschwört sind Bilder, die noch eine ganze Weile vor dem inneren Auge sichtbar sind.

Fazit:

„Jetzt, Baby“ ist, ebenso wie „Eines Tages, Baby“ ein kleines Büchlein, das zwar unscheinbar daher kommt, aber mit den darin enthaltenen Worten eine ungemeine Wucht entwickelt. Es nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die eigenen Gedanken und bietet sowohl Denkanstöße als auch Trost – denn man weiß hinterher, dass man nicht alleine ist, wenn man nachts schlaflos im Bett liegt.

4 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:

  • Preis: 7 €
  • Taschenbuch: 128 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (17. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442485681
  • ISBN-13: 978-3442485680

 

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8 Gedanken zu “Rezension: „Jetzt, Baby“ (Julia Engelmann)

  1. Ahoi!
    Ich fand Julia Engelmann damals etwas zu gewollt, einfach ein bisschen drüber. Darum habe ich mir den ersten Band nicht gekauft, als alle meine Freunde sie abfeierten. Deine Rezension gefällt mir aber so gut, dass ich ihr vllt. doch eine Chance gebe.

    Cheerio
    Mareike

    • Moin 🙂 Danke Dir! Ich glaube man sollte sie so lesen, dass sie eigentlich über ihre Gefühle schreibt – wenn diese ähnlich der eigenen sind, dann umso schöner. Oft wurde ja „One Day Baby“ so gelesen, dass man es in unserer Generation so sehen muss. Sowas mag ich ja gar nicht….

      Einfach drauf einlassen 🙂

      Liebe Grüße
      Sarah

      • Ahoi!
        Ich versuch’s mal. Ich habe zuletzt „Hold Your Own“ von Kate Tempest gelesen, auch zeitgenössische Lyrik, und so ganz warm wurde ich mit ihr nicht. Mal sehen, wie es mit Engelmann wird…

        Cheerio
        Mareike

      • Liebe Mareike,

        hui, den Kommentar hab ich irgendwie gar nicht gesehen… Kate Tempest kenne ich nicht, aber wenn Du mit ihr nicht warm wurdest… 😉 Mal sehen wann ich wieder Lyrik entdecke. Dann sag ich Bescheid, vielleicht ists ja auch was für Dich 🙂

        Liebe Grüße
        Sarah

  2. Ich muss das Buch auch unbedingt noch haben. Ich liebe ihre Gedichte. Ich habe Eines Tages Baby und Wir können alles sein Baby schon hier und mir geht es wie dir, sie trifft so verdammt oft einen Nerv oder zumindest unerhätl sie einen. Anfang des Jahres war ich dann bei ihrer Eines Tages, Baby Tour – undbedingt zu empfehlen, sie mal live zu sehen! Es war wundervoll, witzig, inspirierend, ach, Konfetti gabs auch 😀

    glg Franzi

    • Liebe Franzi,

      vielen Dank für den schönen Kommentar!
      Die Tour klingt ja verführerisch – vielleicht kommt sie auch mal nach Dresden, da muss ich glatt gucken 😀 Danke für den Tipp!

      Liebe Grüße
      Sarah

  3. Hey!

    Ich habe auch schon die beiden anderen Büchlein von ihr gelesen und dieses muss unbedingt folgen.
    Die Eindrücke, Emotionen und Eindrücke, die Engelmann rüberbringt, sind einfach nur toll und repräsentieren mich einfach nur total!

    Ich liebe ihre Schreibweise!

    Vielen Dank für die tolle Rezension!

    Viele liebe Grüße vom #litnetzwerk,
    Anna

    • Liebe Anna,

      dann weißt Du ja jetzt, was der Weihnachtsmann Dir – oder Du Dir selbst – unter den Baum stellen muss/t 😉 Vielen Dank für Deinen Besuch 🙂

      Liebe Grüße
      Sarah

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