Rezension: „Kindeswohl“ (Ian McEwan)

Ich glaube, es gibt viele Leser, die mit „Abbitte“ einen Einstieg in die Werke von Ian McEwan suchen. Vermutlich auch, weil die Verfilmung recht bekannt ist. Irgendwie hat mich „Abbitte“ aber nie gereizt, obwohl ich gerne mal ein Buch dieses Autors lesen wollte – schließlich begeistert er so viele Leser! Also sah ich mich ein wenig um, was er sonst noch geschrieben hat und fand „Kindeswohl“ umso spannender.

mcewan

(Foto: Privat)

Inhalt:

Fiona Maye ist Richterin am High Court in London und ihre Aufgabe dort ist es, über Scheidungen und Sorgerechtsfragen zu entscheiden – und über das Kindeswohl. Jeder ihrer Fälle ist sehr komplex – insbesondere, wenn es um Entscheidungen geht, die bestimmte Glaubensgemeinschaften betreffen. Hier müssen in einem komplexen Prozess viele Variablen gegeneinander abgewogen werden.

Im Privaten glaubt Fiona, glücklich zu sein: Sie und ihr Mann sind seit über dreißig Jahren verheiratet und führen ein kinderloses aber zufriedenes Leben. Dann unterbreitet ihr Mann ihr einen Vorschlag, der das Fundament ihrer Beziehung erschüttert. Genau zu dieser Zeit muss sie unter Zeitdruck einen komplexen Fall beurteilen, bei dem es um das Überleben eines 17-jährigen Jungen, Adam, geht.

Mein Eindruck:

Zunächst wusste ich nicht, wie McEwan es schaffen will, die zwei vermeintlich völlig unterschiedlichen Handlungsebenen der Eheprobleme und des Gerichtsfalls auf gut 200 Seiten miteinander zu verknüpfen. Durch die Darstellung Fionas als nachdenkliche Frau – sowohl im Gerichtssaal als auch in den eigenen vier Wänden – gelingt das jedoch sehr gut. Gedanken an ihren Fall und Gedanken an ihre eigene Situation vermischen sich zunehmend und als Leser erkennt man viele Parallelen zwischen beiden Teilen des Romans:

Während der 17-jährige Junge, um den es in ihrem Fall geht, sich in seine Religion flüchtet, um mit dem Gedanken, möglicherweise zu sterben, umzugehen, flüchtet sich Fiona in ihre Arbeit und die Regelungen der Rechtswissenschaft, um dem Gedanken zu entgehen, ihre Ehe könnte scheitern. Die Ähnlichkeit von Adam und Fiona wird außerdem in ihrer beider Leidenschaft für Musik deutlich. Ich finde auch, dass die Musik ein wichtiges Element der Handlung ist, um die Persönlichkeit sowohl von Fiona als auch von Adam besser zu verstehen. Ohne die Musik würden beide wohl auf ihre Art wie Fanatiker wirken.

McEwans erläutert die juristischen Feinheiten präzise und lässt durch die sachliche Schilderung der Gegebenheiten eines Falles stets dem Leser die Möglichkeit, eine eigene Meinung zu entwickeln. Erst im Anschluss zeigt er die Begründung für eine bestimmte richterliche Entscheidung auf. Auch die Vielschichtigkeit der privaten Probleme Fionas lässt er durch seine klare Sprache schnell deutlich werden: Während Fiona zunächst annimmt, der Vorschlag ihres Mannes wäre der Grund für die Ehekrise, wird schnell klar, dass die Probleme tiefer angesiedelt sind und auch Fionas Verhalten diese verursacht haben. Einzig und allein Fionas Mann und seine Beweggründe bleiben bei all dem etwas blass und klischeebehaftet.

Fazit:

Es hat mich beeindruckt, welche Intensität Ian McEwan der Geschichte gegeben hat. Fiona und Adam sind auf den ersten Blick ebenso unterschiedlich wie ein juristischer Fall und eine Ehekrise. Beide Gegensätze werden jedoch auf faszinierende Weise miteinander verwoben und trotz der Klarheit seiner Sprache und den beinahe kühlen Aspekten, welche die Rechtswissenschaft mit sich bringt, lässt McEwan seine Figuren lebendig und vielschichtig wirken.

Nun bin ich gespannt auf andere Bücher von ihm!

5 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:

  • Preis: 22€
  • Gebundene Ausgabe 224 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 5 (9. Januar 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257069162
  • ISBN-13: 978-3257069167
  • Originaltitel: The Children Act

 

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7 Gedanken zu “Rezension: „Kindeswohl“ (Ian McEwan)

  1. Ian McEwan ist einer dieser Autoren, von denen ich schon immer mal etwas lesen wollte, es aber immer vor mir herschiebe, weil ich 1) nicht weiß, mit welchem Buch ich starten soll und 2) nach all den Begeisterungsstürmen enttäuscht zu werden. Daher habe ich deine Eindrücke von der ersten Begegnung mit McEwans Werk umso interessierter aufgesogen. Nun werde ich gebannt verfolgen, was du zu weiteren Romanen von ihm sagen wirst. 🙂

    • Hihi, da kommt die Rezension also gerade richtig? Fein 🙂

      Ich hatte dieses Gefühl vor allem bei „Abbitte“. Übrigens konnte mich nicht mal die kleine Rolle von Benedict Cumberbatch dazu bewegen den Film zu gucken – geschweige denn, dass ich das Buch lesen wollte. Deshalb war ich umso glücklicher, dass mich „Kindeswohl“ ansprach und ich so seine Schreibe mal abseits vom Hype (wobei das sicher auch gehypt wurde, nur hab ich das nicht mitbekommen) kennenlernen konnte.

      Wer weiß was mich von ihm als nächstes anspricht ^^ Ich halte Dich auf dem Laufenden!

      Hab einen schönen 2. Advent!
      Liebe Grüße

  2. Oh, das Buch klingt tatsächlich sehr gut. Und deine Rezension auch. Man spürt, dass dich das Buch beeindruckt hat. Und dadurch machst du mir auch total Lust auf das Buch. Wandert direkt auf die Wunschliste. Danke für den Tipp.
    Liebe Grüße und eine schöne Adventszeit,
    Julia

  3. Liebe Sarah,

    erst einmal: Eine tolle und informative Rezension – man merkt, dass du dich intensiv mit dem Buch auseinandergesetzt und dir Gedanken gemacht hast! 🙂

    Ich habe zugegebenermaßen auch noch kein Werk von McEwan gelesen, obwohl ich schon lange vorhabe, „Atonement“ (vor allem auch wegen der Thematik) zu lesen. Bis jetzt sind aber immer zig andere Bücher interessanter gewesen. Aber wie du Ian McEwans Kunstfertigkeit und Sprache beschreibst, das weckt jetzt doch meine Neugier! 🙂

    Ganz liebe Grüße,
    Elena

    • Liebe Elena,

      das sind die schönsten Kommentare – die, die zeigen, dass ich nicht nur das Lesegefühl vom Buch rüberbringe, sondern auch den Autor interessant wirken lasse. Vielen Dank dafür! Ich bin gespannt, was Du zu seiner Schreibweise sagst!

      Liebe Grüße
      Sarah

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