Rezension: „Das Leben wartet nicht“ (Marco Balzano)

Migration beschäftigt mich nicht nur, weil das Thema omnipräsent in den Nachrichten ist oder weil ich mit internationalen Gästen arbeite. Es ist auch ein Thema, das bei mir die Vergangenheit meiner Familie betrifft, denn eigentlich bin ich in der ersten Generation, die nun in der gleichen Stadt bzw. im gleichen Land verbleiben möchte. Ich kenne viele Geschichten von Neuanfängen, habe in meiner Kindheit selbst einen erlebt und weiß, wie prägend der Umzug in die Fremde sein kann. Genau deshalb war mir beim Lesen der Frühjahrsvorschau sofort klar, dass ich Marco Balzanos „Das Leben wartet nicht“ sehr gerne lesen möchte.
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Vielen Dank an den Diogenes Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte und an Susanne Bühler, die uns Blogger so wunderbar betreut.
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(Foto: Privat)

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Inhalt:
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Etwas, das man heute eine glückliche Kindheit nennen würde hätte Ninetto, geboren auf Sizilien, nicht. Dennoch war er glücklich – bis sich sein Leben grundlegend änderte und er nach Mailand zog, in der Hoffnung, dort ein besseres Leben zu haben.
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Das Leben, so wird er feststellen, geht nicht immer geradlinige Wege und die Dinge, die uns wichtig sind, muss man sich erarbeiten. Für manches ist es irgendwann zu spät, doch manche Dinge kann man auch dann noch anstreben, wenn es im ersten Moment so wirkt, als wäre es schon längst zu spät.
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Mein Eindruck:
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Der Titel dieses Buches ist zugleich auch die Mahnung, die hinter der liebevoll erzählten Geschichte steht: „Das Leben wartet nicht“. Diese Angst, das eigene Leben im Alltagstrott zu verpassen, ist uns wohl allen wohlbekannt. Ebenso die Angst, für das Leben anderer bedeutungslos zu bleiben und keine Spuren zu hinterlassen.
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Ninetto, der als kleiner Junge von gerade einmal neun Jahren nach Mailand zieht, um dort sein Glück zu suchen, lernt im Laufe seines Lebens, auf das er aus einer reichlich ungewöhnlichen Situation zurückblickt, viele Menschen kennen. Doch so, wie nur die wenigsten ihm wirklich im Gedächtnis bleiben, schwingt auch in seinen Erinnerungen die Befürchtung mit, keine wirkliche Bedeutung für andere zu haben. Gerade auch für seine Liebsten, von denen er sich entfremdet hat.
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Marco Balzano beschreibt die Erinnerungen des Sizilianers mit einfachen Worten, klar und ungeschönt, und vermutlich prägen sie sich gerade deshalb ein. Manchmal mag diese Sprache Ninetto auch in älteren Jahren als reichlich naiv erscheinen lassen. Aber gerade diese Naivität lässt ihn in meinen Augen besonders realistisch wirken. Letztlich bleibt er nämlich lebenslang der Junge, der irgendwie seinen Weg in einer Welt finden will, die nicht auf ihn gewartet hat.
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Beeindruckend war für mich die Unbekümmertheit, mit der Ninetto auf andere Zugezogene reagiert: Statt Ihnen mit Ressentiments zu begegnen, weil sie seine Chancen auf Arbeit schmälern könnten, hat er früh gelernt, dass wir alle nur Spielbälle des Schicksals und unserer Lebensumstände sind. Er neidet ihnen weder den Erfolg, noch ist er schadenfroh bei Misserfolg. Ninetto ist eine Figur, die ohne oder gerade wegen der nach und nach herausgearbeiteten Schwächen beinahe das Idealbild eines weltoffenen Menschen sein könnte.
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Während des Lesens merkt man immer wieder, dass es für manche Dinge nur eine bestimmte Zeit im Leben gibt. Das ist ein schmerzlicher Gedanke, denn wenn wir den richtigen Augenblick verpasst haben, kommt er möglicherweise nie ein zweites Mal. Das ist aber auch ein Gedanke, der motiviert, der belebt und der klar macht, dass wir nicht passiv unsere Leben vor uns hinleben sollten, sondern selbst anfangen sollten etwas in dieser Welt zu gestalten. Ob im Kleinen oder im Großen, das sei dahingestellt – aber wir sollten das Leben nicht einfach an uns vorbeiziehen lassen.
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Fazit:
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Drei Fragen stellen sich beim Lesen: Wie möchte ich anderen, Fremden, begegnen? Was erwarte ich von Leben? Welche Fehler sind unverzeihlich?
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Jede einzelne dieser Fragen allein wäre genug Material für mehrere Romane.  Marco Balzano webt diese Fragen in die Lebensgeschichte eines sehr eigenen und doch liebenswürdigen Mannes und ermuntert den Leser, über die eigene Situation nachzudenken. Es ist ein leises Buch, das gerade durch die sanften (Zwischen-)Töne umso eindringlicher wirkt.
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5 von 5 Sternen.
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Mehr zum Buch:
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  • Preis: 22€
  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (22. Februar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257069839
  • ISBN-13: 978-3257069839
  • Originaltitel: L’ultimo arrivato, übersetzt von Maja Pflug
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2 Gedanken zu “Rezension: „Das Leben wartet nicht“ (Marco Balzano)

  1. Das klingt ja nach einem wundervollen Buch. Und mit deiner Rezension machst du noch mehr Lust auf die Lektüre. Da wandert der Titel gleich auf die Wunschliste. 🙂
    Liebe Grüße,
    Julia

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