Rezension: „Vincent“ (Joey Goebel)

„Triff nie deine Idole.“ – Das hört man oft, wenn man sagt, dass man einen Musiker, Autor oder Filmstar mag und diese Warnung ist berechtigt, wenn man bedenkt, dass man ja eigentlich „nur“ die Werke dieser Künstler mag.
Als ich im vergangenen Jahr Benedict Wells traf, einmal auf der Leipziger Buchmesse und einmal bei einer Lesung in Dresden, da schrieb ich – zumindest in Bezug auf diesen Autor – den Mythos als Ammenmärchen ab. Heute sage ich, dass man viel vorsichtiger sein sollte, wenn man die Bücher liest, welche die Idole empfehlen.
„Vincent“ ist so eine Empfehlung von Benedict Wells und während der Lektüre habe ich ihm innerlich das Buch mehrfach an den Kopf geworfen.
Buch "Vinvent" liegt neben Froschfigur auf Holzfussboden

(Foto Privat)

Inhalt:
 
Der englischsprachige Originaltitel ist Programm: „Torture the Artist“ – Quäle den Künstler, grob übersetzt. Und genau das ist der Handlungsmittelpunkt: Vincent zeigt unheimliches künstlerisches Talent, welches eine neue Firma, New Renaissance, zum Zweck der Verbesserung der Kultur nutzen will. Vincent bekommt schon in frühen Lebensjahren einen Manager und eine spezielle Ausbildung auf einer Schule von New Renaissance.
Da jeder uns bekannte große Künstler in seinem Leben jedoch auch großes Leid erfahren musste – und dieses dann in seiner Kunst verarbeitet hat – besteht die Aufgabe von Vincents neuem Manager darin, sein Leben so zu beeinflussen, dass er leidet. „Torture the Artist“.
 
Mein Eindruck:
Wenn ich „Vincent“ mit nur einem Wort beschreiben müsste, würde ich folgendes wählen: Intensiv.
Während man liest, wie Vincent immer wieder manipuliert wird, durchlebt man ein Wechselbad der Gefühle. Die Manipulationen gehen weit über das, was man zu Beginn des Buches vielleicht erwarten mag hinaus. Harlan, der Manager von Vincent, sorgt stets dafür, dass alles Glück in Vincents Leben nur vorübergehend ist, stets außer Reichweite zu sein scheint und nicht einmal auf seine Gesundheit Verlass ist. Dieses Spiel mit Vincents Leben ist beim Lesen oft nur schwer zu ertragen. In diesen Momenten verfluchte ich Benedict Wells für seine Leseempfehlung und warf ihm gedanklich das Buch an den Kopf.
Dennoch kann man nicht aufhören zu lesen.
Das liegt einerseits daran, dass Vincent eine absolut liebenswerte Figur ist. Man möchte ihn eigentlich nur in eine Decke wickeln, ihm einen Tee machen und dafür sorgen, dass sein Leben wieder ins Lot kommt. Vincent ist – trotz oder gerade wegen der ihm zugefügten Leiden – ein guter Mensch, der völlig in seiner Kunst aufgeht.
Zum anderen schreibt Joey Goebel auf eine so klare und eingängige Weise, dass man das Buch beinahe nicht aus der Hand legen kann. Er beschreibt den Status Quo (und an dieser Stelle sei erwähnt, dass das Buch bereits 2011 veröffentlicht wurde) der Mainstreamkultur schonungslos als verblödende Massenunterhaltung, die dazu führt, dass die Gesellschaft verdummt und zombieähnlich einen Einheitsbrei an TV- und Filmproduktionen bzw. Musikstücken konsumiert, die – einzeln genommen – absolut beliebig, austauschbar und anspruchslos sind.
An dieser Stelle könnte man nun einwerfen, dass Unterhaltung auch gut und gerne einfach nur das Ziel haben kann, den Konsumenten zu unterhalten.
Man kann aber auch – wie Joey Goebel es das Medienunternehmen New Renaissance fordern lässt – sagen, dass Unterhaltung und Anspruch sich nicht gegenseitig ausschließen müssen. Und, als würde Goebel dieser Forderung mit gutem Beispiel voran gehen, hat er einen Roman verfasst, der sowohl nachdenklich stimmt, als auch unterhält. „Vincent“ ist witzig, dramatisch, spannend, weise und – ja, intensiv. Es ist kein Buch, dass man einfach so an wenigen Tagen durchlesen kann, denn jedes Kapitel ist in sich wie ein kurzes Buch, das man erst einmal „sacken lassen“ muss.
Fazit: 
 
„Torture the Artist“ lautet der Originaltitel, und manchmal habe ich mich beim Lesen gefragt, ob „Torture the Reader“, also quäle den Leser, nicht auch angemessen gewesen wäre. Zudem überlegt man beim Lesen automatisch, wie autobiographisch dieses Buch ist.
Trotz der emotionalen Achterbahnfahrt während der Lektüre – in der ich so manches Mal die Leseempfehlung verflucht habe, da ich so mit Vincent litt – bin ich sehr froh, dieses Buch gelesen zu haben. An dieser Stelle also eine kleine Entschuldigung in Richtung Benedict Wells, den meine gedanklich geworfenen Bücher zum Glück nicht in der Realität getroffen haben. (Trotzdem bin ich in Bezug auf Leseempfehlungen seitens einiger Autoren nun vorsichtiger geworden.)
5 von 5 Sternen.
An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Jules Leseecke, die eine spannende erste Leserunde im Rahmen des Diogenes Buchclubs geleitet hat. Ich freue mich auf die nächsten Leserunden mit Dir!
Mehr zum Buch:
  • Preis: 11,90 €
  • Taschenbuch: 448 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 6 (27. März 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257236476
  • ISBN-13: 978-3257236477
  • Originaltitel: „Torture the Artist“, übersetzt von Hans M. Herzog und Michael Jendis 
Eine Leseprobe findet Ihr übrigens ebenfalls hier.
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2 Gedanken zu “Rezension: „Vincent“ (Joey Goebel)

  1. Intensiv ist dieses Buch tatsächlich. Das hast du gut getroffen.
    Toll war auch die Leserunde und der Austausch mit euch allen. Da konnte ich noch mal ganz neue Blickwinkel gewinnen.
    Deine Rezension ist auch super geworden. Gerade zu diesem Buch die passenden Worte zu finden, ist doch recht schwierig. Dir ist es gut gelungen.
    Bei der aktuellen Leserunde bin ich zwar nicht dabei. Aber es folgen ja noch einige.
    Ein tolles Wochenende wünsche ich dir!

  2. Pingback: [Sonntagsleserin] Februar 2017

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