Rezension: „The Ocean at the End of the Lane“ (Neil Gaiman)

Es gibt so Bücher, die kann man nur zum genau richtigen Zeitpunkt lesen – ist der Zeitpunkt nicht richtig, dann bricht man sie wohl oder übel ab oder quält sich hindurch. Ein solches Buch ist für mich „The Ocean at the End of the Lane“ von Neil Gaiman. Das begann ich dreimal – zweimal brach ich es ab und dann gab ich diesem Buch doch noch eine dritte Chance und habe es nicht bereut.

Ein Grund, weshalb dieses Buch überhaupt so viele Chancen bekam ist, dass ich Neil Gaiman in gleich drei Punkten sehr schätze: 1. Hat er mit „Neverwhere“ ein unfassbar tolles Buch geschrieben und mich so begeistert, dass ich fast allem von ihm eine Chance geben möchte. 2. Ist er ein sehr guter Freund von den viel zu früh verstorbenen Autoren Douglas Adams und Sir Terry Pratchett – deren Werke ich ebenfalls sehr mag. Und 3. hat er Drehbücher zu meiner liebsten Sci-Fi Serie Doctor Who geschrieben – und damit ist er in meinen Augen ohnehin schon einer der coolsten Autoren.

Abbildung des Buches neben einer Muschel

(Foto: Privat)

Inhalt:

Ein Mann mittleren Alters kommt zurück in den Ort, in dem er aufwuchs um an einer Beerdigung teilzunehmen. Dabei erinnert er sich an Geschehnisse, die er erlebt hat, als er sieben Jahre alt war und sich mit einem äußerst seltsamen Mädchen namens Lettie Hempstock angefreundet hat. Lettie lernte er auf einer nahen Farm kennen, und sie führte ihn in eine Welt die zugleich magisch, unheimlich, schön und grausam ist und sein Leben stärker beeinflusst, als er es zunächst für möglich hält.

Mein Eindruck:

Der Grund, weshalb ich dieses Buch zweimal abgebochen habe, ist wohl im Anfang der Geschichte zu finden. Der Erzähler – der Mann mittleren Alters – dessen Namen wir nicht erfahren, aber aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, beschreibt zunächst, wie ein Gast, der in seinem Elternhaus ein Zimmer mietet, Selbstmord begeht. Kurz zuvor hat er das Kätzchen des Erzählers überfahren und stattdessen einen mürrischen Kater als „Ersatz“ mitgebracht. Ich weiß nicht was es genau war, aber diese Mischung aus Rückblick auf eine schmerzliche Kindheitserfahrung und den Tod des Gastes fand ich sehr merkwürdig bei einer Novelle, die als besonders fantasievoll und magisch angepriesen wurde. Ich befürchtete bei beiden gescheiterten Versuchen, der typischen Klappentext-Falle auf den Leim gegangen zu sein und eine Geschichte zu erwarten, die es so zwischen den Buchdeckeln eigentlich nicht gibt.

Nach den ersten ungefähr 50 Seiten – ich war bei den ersten Leseversuchen nicht über Seite 30 hinausgekommen – habe ich dann jedoch langsam die Faszination dieser Geschichte gespürt. Es ist eine Geschichte, die durch die leisen Töne lebt und zunächst ganz zaghaft aber dann immer stärker durch die magischen bzw. übernatürlichen Elemente lebt. Während des Lesens habe ich mich selbst wieder ein wenig wie ein Kind gefühlt, so als wäre es spätabends und ich würde heimlich unter der Bettdecke im Schein einer Taschenlampe noch ein paar wenige Seiten lesen. Ganz besonders kamen mir die Geschichten Enid Blytons in den Sinn, denn die ganze Geschichte des namenlosen Erzählers erinnerte mich sehr an eine erwachsene Ausgabe der Bücher wie „Der Wunschstuhl“Reihe, die ich als Kind wegen der fließenden Übergänge von Realität und Übernatürlichem geliebt habe.

Es ist übrigens schwierig, dieses Buch einzuordnen. Ja, es ist eine Novelle und eher im fantastischen Genre angesiedelt – aber ist es ein Buch, das man auch als Kind lesen könnte? Vielleicht – auch wenn ich mich als Kind damals wohl noch zu sehr gegruselt hätte (ich habe mich auch jetzt noch gegruselt). Vielmehr ist es jedoch ein Buch, das vielleicht am besten erwachsene Leser findet, die sich an die eigene Kindheit zurückerinnern – mit all den eingebildeten Freunden, magischen Wesen und dem Hineininterpretieren fantastischer Dinge in ganz normale Sachen, denen man jeden Tag begegnet ist. Ein Beispiel: Ist ein Teich wirklich nur ein Teich? Kann er nicht vielmehr auch ein Ozean sein? Vielleicht, wenn man klein genug ist – oder einfach nur genügend Fantasie besitzt?

Fazit:

Neil Gaiman hat es – bei mir im dritten Anlauf – geschafft, mich vom Buch zu überzeugen. „The Ocean at the End of the Lane“ ist eine wunderbare Geschichte für diejenigen, die sich nicht zu leicht gruseln und die gerne in die fantasievollen Tage ihrer Kindheit zurückreisen würden. Sozusagen ein Kinderbuch für Erwachsene, die Kind geblieben sind. Wer möchte, und zumindest passables Schulenglisch spricht, sollte sich an das englische Original heranwagen, denn da kommt die zauberhafte Sprache noch viel besser rüber, denke ich.

4 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:

  • Preis: 7,99€
  • Taschenbuch: 256 Seiten
  • Verlag: William Morrow; Auflage: Reissue (28. Juni 2016)
  • Sprache: Englisch
  • ISBN-10: 0062459368
  • ISBN-13: 978-0062459367
  • Englisch-Level: Mittel

 

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