Rezension: „Die Stadt der tanzenden Schatten“ (Daniel José Older)

Als ich Anfang des Jahres in der „Magic City“ Ausstellung zu verschiedenen Formen der Streetart war, haben mich die fantasievollen Bilder von Ungeheuern und mystischen Figuren besonders beeindruckt. Als ich dann im Programm vom Carlsen Verlag „Die Stadt der tanzenden Schatten“ entdeckte, habe ich mich sofort an diese Ausstellung erinnert und war neugierig auf die Geschichte.

Vielen Dank an den Carlsen Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

(Foto: Privat)

Inhalt:

Sierra Santiago hat puertoricanische Wurzeln und lebt in Booklyn, liebt ihr Viertel und plant, den Sommer mit ihren Freunden zu genießen. Während sie selbst an einem Wandbild auf einem Schrottplatz befreundeter Nachbarn arbeitet, beobachtet sie, dass ein anderes Wandbild weint. Zunächst hält sie es für eine Täuschung, doch die Sache wird immer rätselhafter: Ihr Großvater spricht in Rätseln, ihre Mutter verweigert die Aussage und Sierra erfährt, dass die Geister Verstorbener mit Hilfe von sogenannten Schattenbildnern lebendig werden können. Robbie, ein Junge aus ihrer Schule, scheint so ein Schattenbildnern zu sein – doch immer, wenn er auftaucht passieren die merkwürdigsten Dinge.

Mein Eindruck:

Die Welt der Schattenbildnern ist für Sierra zunächst eines: Ein großes Rätsel. Für den Leser ist sie das auch, aber Daniel José Older lässt nach und nach immer mehr Puzzelteile in der Geschichte auftauchen, die dann stückweise ein Bild ergeben. Dadurch, dass stets Fragen offen bleiben, möchte man gar nicht mehr aufhören zu lesen und die flotte Erzählweise in beinahe zu kurzen Kapiteln lässt einen regelrecht durch die Seiten fliegen.

Die fantastischen Elemente haben es mir wirklich angetan. Mit Hilfe von ein bisschen Kreide – oder was gerade zum Zeichnen/Malen verfügbar ist – Geistern zu ermöglichen, sich im Diesseits in sichtbarer Form aufzuhalten, ist eine erfrischend neue Idee. Ein wenig musste ich an meine Spanischstunden denken, in denen wir von unserer mexikanischen Lehrerin allerlei über die Bedeutung der Ahnen für ihren Kulturkreis erfahren haben. Zwar erfährt man wenig über die eigentliche „Funktion“ der Schattenbildner – beschützen sie die Menschen vor irgendetwas? Ist es lediglich ein kulturelles Phänomen? – aber die Handlung der Geschichte lenkt davon ab. Erst im Nachinein wünscht man sich mehr Hintergrundinformationen – und vielleicht einen Folgeband, in dem diese genauer erläutert werden.

Ein paar zusätzliche Hintergrundinformationen wären auch in Bezug auf die vielen Nebenfiguren – insbesondere Sierras Freunde – schön gewesen. Diese sind alle durchgehend sympathisch, bleiben aber ein wenig blass. Sierra wirkt dagegen komplexer, vor allem, da Daniel José Older die Thematik der Geister/Ahnen nutzt und weitere kulturelle Konflikte in die Handlung einbaut.

So hat Sierra eine rassistisch denkende Tante, die nicht möchte, dass Sierra mit einem Jungen ausgeht, der „dunklere Fußsohlen“ als sie hat. Besonders für Jugendliche, die in anderen Fantasy-Büchern immer nur Figuren mit heller Haut finden, ist es toll, dass unterschiedliche Hautfarben thematisiert werden. Ebenso findet man wenige Fantasy-Bücher, die Mitglieder der LGBT+ Community umfassen. Insofern ist dieses Buch ein Gewinn für beide Genre: Fantasy und Young Adult.

Weniger hilfreich ist es aber, dass Sierra sich erst über den Rassismus ihrer Tante aufreget, nur ein paar Seiten weiter dann jedoch von „weißen Tussis“ redet und so letztlich nicht besser ist als ihre Tante. Ist man gegen Rassismus, sollte man gegen jegliche Diskriminierung sein.
Das gilt im übrigen auch für ihre Herangehensweise in Bezug auf Geschlechterunterschiede. Einerseits möchte sie als starke Persönlichkeit wahrgenommen werden, andererseits beschwert sie sich, dass Robbie sie – ein Mädchen – nachts allein gelassen hat. Und einerseits verabscheut sie Gewalt, ohrfeigt aber mal eben Robbie oder befürwortet es, wenn eine Freundin mit Gewalt auf jemanden losgeht, der einen unsensiblen Spruch über Lesben gemacht hat,

Sierra ist jemand mit viel Power und deshalb eine tolle Figur, mit der sich sicher viele Leser*innen identifizieren können. Genau deshalb steht ihr differenziertes Denken besser als ihre Mitmenschen in Schubladen einzusortieren.

Fazit:

„Die Stadt der tanzenden Schatten“ ist ein Buch, das ohne abgenutzte Fantasy-Elemente auskommt und stattdessen die Vielfalt der Kulturen für noch mehr Fantastik einsetzt. An manchen Stellen bleibt das Buch hinter dem eigenen Anspruch für Multikulturalität und Toleranz zurück – ist aber dennoch sehr unterhaltsame Lektüre mit Potential zum Nachdenken.

4 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:

  • Preis: 16,99 €
  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: Carlsen Verlag (26. Mai 2017)
  • Übersetzerin: Sophie Zeitz
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3551583609
  • ISBN-13: 978-3551583604
  • Originaltitel: Shadowshaper
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