Rezension: „Ich war jung und hatte das Geld“ (Sebastian Lehmann)

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich mag Poetry Slams und alles, was in diese literarische Richtung geht. Ob als Podcast, Hörbuch, gedruckter Text oder – am besten natürlich – live, ich bin da sehr aufgeschlossen und immer an neuen Texten und Formaten interessiert. Als letztens die Literaturagentur Literaturtest auf mich zukam und mir das kürzlich erschienene Buch von Sebastian Lehmann, „Ich war jung und hatte das Geld – meine liebsten Jugendkulturen aus den wilden Neunzigern“, als Rezensionsexemplar anbot, nahm ich gerne an.

Vielen Dank also an dieser Stelle für das Rezensionsexemplar.

(Foto: Privat)

Inhalt:

Jugendliche, denen langweilig ist, schließen sich einer Gang an – so das Klischee. Sebastian Lehmann blickt zurück auf die 90er Jahre und auf die Jugendkulturen, die er damals mitgemacht hat – oder auch nicht, aber das ist halt künstlerische Freiheit. Ob Kommunist oder Punk, Rapper oder Öko – in kurzen Texten gibt er seine Erfahrungen zum Besten, in denen auch seine Freunde nicht fehlen dürfen.

Mein Eindruck:

Sebastian Lehmann hat eine lockere und witzige Art zu schreiben, so dass ich direkt in den Sog seiner Texte geriet. Mit genauer Beobachtungsgabe hat er es geschafft, die Klischees der jeweiligen „Jugendkultur“ auf den Punkt zu bringen und dadurch so zu überspitzen, dass man unweigerlich darüber schmunzeln muss. Running-Gags und durch Slapstick und Wortkomik gekennzeichnete Sequenzen formen quasi eine in Textform vorliegende Sitcom – nur, dass die Kapitel in weniger als den üblichen 20 Minuten Folgenlänge gelesen werden können. Ähnlich einer Sitcom könnten die einzelnen kurzen Kapitel übrigens auch kreuz und quer durcheinander gelesen werden – trotzdem ist das lineare Lesen ratsam, da die Handlung doch aufeinander aufbaut. So bricht sich sein Kumpel Dirk des Öfteren mal beide Arme, die dann über ein paar Folgekapitel hinweg eingegipsterweise in die Gags eingebaut werden.

Lustig sind diese kleinen Episoden also allemal – mich konnte das Buch insgesamt aber leider nicht überzeugen. Das lag auch an der wirklich freien Auslegung des Begriffes „Jugendkultur“ – insbesondere in Bezug auf die 90er Jahre. Emo, Raver und Hippie kann man gelten lassen, was die 68er in den 90ern zu suchen haben ist mir auch aus mathematischer Sicht ein Rätsel und Heimwerker als Jugendkultur zu bezeichnen finde ich dann doch eher gewagt.

Gut, nun könnte man einwenden, dass der Untertitel „Meine liebsten Jugendkulturen aus den wilden Neunzigern“ einfach schmissig klingt, während „Meine liebsten Subkulturen, Trends und sonstiges aus den wilden Neunzigern und anderen Jahrzehnten – ich nehm’s nicht so genau“ schwer an den Leser oder die Leserin zu bringen wäre. Trotzdem macht es dieser Marketing-Kniff nicht wirklich besser. Leider, denn eigentlich ist die Idee nicht schlecht. In der Umsetzung hat mich jedoch auch die Monotonie, die sich zunächst gemächlich und dann aber immer stärker in die Kapitel einschleicht, gestört:

Sebastian hat eine neue „Jugendkultur“ für sich entdeckt, diese wird kurz in ihren Eigenheiten in der Handlung vorgestellt und dann wird gleich darauf erklärt, wieso er das für sich dann aber nicht zu 100 % umsetzt (und einer seiner Freunde hat das Thema sowieso falsch verstanden) und kurz darauf geht alles schief, so dass Sebastian sich einer neuen „Jugendkultur“ zuwenden will.

Diese Abfolge, in der auch seine Freunden immer die gleichen Rollen übernehmen und die Handlung durch Slapstick-Einlagen auflockern, ist von Kapitel zu Kapitel gleich. Was anfänglich witzig ist, wird schließlich zur Routine und im Verlauf des Buches leider zu Langeweile. Dort, wo Sitcoms mit dem Schema des üblichen Ablaufes gerne auch mal brechen, steigert sich Sebastian Lehman leider weiter in die Monotonie hinein und erstickt das Potential des Buches, die verschiedenen Lebensphilosophien gekonnt zu persiflieren.

Fazit:

Die Stärken dieses Buches – Humor, lockere Schreibweise und eine herrlich genaue Beobachtungsgabe des Autors – werden leider durch die Schwächen überschattet. Der sich stetig steigernden Langeweile kann man sich nur dadurch entziehen, dass man das Buch nicht am Stück, sondern in einzelnen Portionen genießt. Vielleicht fehlt den Texten auch die Atmosphäre des Live-Auftritts bei einem Poetry-Slam – auch wenn die Illustrationen im Buch ganz neckisch sind. Live hätte Sebastian Lehman sich aber definitiv kürzer fassen müssen.

2 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:

  • Preis: 10 €
  • Taschenbuch: 192 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (15. Mai 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442159210
  • ISBN-13: 978-3442159215

 

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Ein Gedanke zu “Rezension: „Ich war jung und hatte das Geld“ (Sebastian Lehmann)

  1. Guten Abend, Sarah,

    ich mag Poetry Slam auch. Allerdings hole ich mir gern kleine Büchlein von diversen Slamern nach ihren Vorträgen live ab. So bekommt man gleich mal vorab einen Einblick in ihre Gedanken und Lockerheit. Natürlich kann ich verstehen, dass Du dieses Exemplar hier von Literaturagentur Literaturtest als Angebot genommen hast, da Du ja die 90-er intensiv als Heranwachsende erlebt haben wirst. Schade, dass dann gerade der Titel so irrefürrend war.

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