Rezension: „Ein Kind zur Zeit“ (Ian McEwan)

Es gibt Menschen, deren Buchempfehlungen wirken wie Dynamit, wenn sie mit meiner Wunschliste in Kontakt kommen. Dazu gehören Familie, Freunde und manch ein Autor – aber auch durchaus Schauspieler. In diesem Fall waren es Benedict Cumberbatch und dessen Filmfirma Sunny March, welche die Verfilmung von Ian McEwans „Ein Kind zur Zeit“ („Child in Time“ im Original) in mein Blickfeld rückten.

Da ich schon von McEwans „Kindeswohl sehr begeistert war, habe ich mich umso mehr gefreut, dass der Diogenes Verlag mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Danke dafür!

(Foto: S. Schückel)

Inhalt:

Stephen und Julie sind die Eltern der kleinen Kate und für sie wird der schlimmste Albtraum aller Eltern wahr: Ihr Kind verschwindet spurlos. Als Leser begleitet man Stephen durch eine Welt, die mit Lizenzen für Bettler und der starken Politisierung der Kindererziehung schon reichlich absurd wirkt und die umso absurder für Stephen ist, da er – der Vater, der noch immer sein Kind sucht – als Kinderbuchautor in einem Ausschuss der Regierung sitzt, in dem ein neues Konzept zur Kindererziehung erarbeitet werden soll.

Mein Eindruck:

Die Vorstellung, dass das eigene Kind spurlos verschwindet ist nicht nur herzzerreißend schlimm, sondern auch surreal – selbst wenn man (noch) keine eigenen Kinder hat. Ian McEwan nimmt diese zwei Aspekte – den Schmerz und den Surrealismus – und webt eine Geschichte drumherum, die unter die Haut geht. Er beschreibt Stephens Leben dabei sehr eindringlich und hält fest, was sich im Leben eines Vaters ändert, wenn der Dreh und Angelpunkt dieser Vaterrolle plötzlich fehlt. Wie kann das Leben weitergehen, wenn das eigene Kind nicht mehr da ist?

Dass der Verlust des Kindes nicht nur sehr schmerzhaft ist, sondern auch jede noch so banale Situation surreal und bedeutungslos wirken lässt, zeigen all die Momente in Stephens Leben, in denen er sich komplett gehen lässt. Nach der Trennung von Julie, die weder unwiederrufbar noch nur auf Zeit ist, beginnt er immer regelmäßiger zu trinken und Freunde zu vernachlässigen. Sein Leben verliert die Struktur, die ihm seine Familie – sein Kind und seine Beziehung – gegeben haben. Das von McEwan beschriebene Jahr in Stephens Leben vergeht langsam und schnell zugleich und es wirkt, als würde Stephen nur allein in wenigen Momenten aus seiner Benommenheit aufwachen.

(Zitat aus „Ein Kind zur Zeit“, Grafik erstellt mit Canva, Copyright: S. Schückel)

Dabei gelingt es McEwan, dass die Phasen von Stephens Katatonie nicht langweilig wirken. Vielmehr verwebt er Rückblenden mit den aktuellen Problemen und Veränderungen von Stephens verbleibenden Freunden sowie den Betrachtungen zur Kindererziehung, mit denen sich Stephen im Ausschuss der Regierung befassen muss. Dass gerade diese Ausschuss-Sitzungen wie Fremdkörper in der Geschichte wirken, verstärkt den Eindruck, dass Stephen ansonsten nur noch sehr wenige Aspekte seines Lebens mit Interesse zur Kenntnis nimmt. Sowieso heben die im Buch diskutierten Ansätze zur Kindererziehung den Surrealismus in Stephens Leben noch weiter hervor: Die Diskussion, ab welchem Alter Kinder Lesen lernen sollen und was Strenge für ihre geistige und emotionale Entwicklung bedeutet, wirkt gradezu lächerlich, wenn man darüber nachdenkt, dass dort ein Vater, der sein Kind verloren hat, an der staatlich regulierten Kindererziehung mitwirken soll.

All diese scheinbaren Widersprüche und Brüche in der Geschichte sind jedoch keine, denn McEwan verbindet alles mit dem, was von Stephens Leben übrig ist und was er sich Schritt für Schritt neu aufbaut. McEwan nimmt den Leser dabei mit und zeigt erst nach und nach, wie Stephens Leben sich – obwohl es scheinbar absolut stagniert und nie wieder anders werden kann – doch fortbewegt und verändert. Viele Momente im Buch stimmen nachdenklich und doch überfordert McEwan seine Leser nicht. Er scheint genau zu wissen, wo die Grenze der Belastbarkeit bei diesem sehr sensiblen Thema ist und er überschreitet sie nie.

Fazit:

Der Gedanke, dass ein Kind spurlos verschwindet, ist grausam, schmerzhaft und man schreckt sofort davor zurück – auch wenn man, wie ich, keine Kinder hat. „Ein Kind zur Zeit“ ist jedoch ein Buch, dass genau diesen grausamen, schmerzhaften und abschreckenden Gedanken als zentrales Thema hat und auch wenn es ein zeitweise durchaus schmerzhaftes Buch ist, ist es doch nie grausam oder so, dass man es abgeschreckt zur Seite legen will. Vielmehr nähert man sich Stephen an, so wie er sich – peu à peu – dem Leben annähert. Der Schmerz bleibt, doch man darf beobachten, wie Stephens graues Leben wieder Farbe annimmt und McEwan schreibt auf eine Art und Weise, dass die Beobachtung dieser Entwicklung sich wie ein Privileg anfühlt. Dieses Buch ist intensiv und intim und absolut lesenswert. Nicht nur, weil Benedict Cumberbatch die Rolle des Stephen annimmt, sondern weil Ian McEwan ein großer Autor ist, der weiß, wie er seine Leser berührt.

Mehr zum Buch:*

  • Preis: 12 €
  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: Diogenes Verlag (25. Dezember 1990)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257219296
  • ISBN-13: 978-3257219296
  • Originaltitel: The Child in Time
  • Übersetzer: Otto Bayer

 

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Ein Gedanke zu “Rezension: „Ein Kind zur Zeit“ (Ian McEwan)

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