Rezension: „Über den wilden Fluss“ (Philip Pullman)

Liebt Ihr Parallelwelten in fantastischen Romanen genauso wie ich? Allein der Grundgedanke an eine andere Welt, die parallel zu unserer besteht und in vielem ähnlich und doch so ganz anders ist fasziniert mich sehr. Ob sehr durchlässige Parallelwelten wie in Harry Potter oder der Shadowhunter-Reihe oder ganze Paralleluniversen wie bei Terry Pratchetts Scheibenwelt: Solche Geschichten sind perfekt, um aus dem Alltag mal abzutauchen.

Deshalb habe ich mich natürlich riesig gefreut, als ich erfahren habe, dass eine weitere dieser von mir geliebten Parallelwelten-Geschichten zusätzliche Abenteuer erhalten wird: Die His Dark Materials-Reihe von Philip Pullman. Da zwischen dem Erscheinen des ersten Bandes dieser Trilogie und dem Erscheinen des ersten Teils der Vorgänger-Trilogie gute 17 Jahre vergangen sind, hatte ich Ende Oktober des vergangenen Jahres eine Einstiegshilfe für Lyras Welt zusammengestellt. Nun folgt die überfällige Rezension zur neuen Geschichte.

Vielen Dank an den Carlsen Verlag für das Rezensionsexemplar und die Geduld beim Warten auf die Rezension.

(Foto: S. Schückel)

Inhalt:

Malcolm, der im Mittelpunkt der Vorgeschichte steht, lebt mit seinem Daemon und seinen Eltern in Oxford und hilft oft im Gasthaus der Eltern aus oder unterstützt nach der Schule die Nonnen des Klosters, die quasi seine Nachbarn sind. In seiner Freizeit liebt er es, mit seinem Kanu die nahegelegene Themse zu erkunden. Als die Nonnen des Klosters ein Baby aufnehmen, schließt Malcolm dieses sofort in sein Herz. Doch das Baby scheint in Gefahr zu sein und Malcolm gerät in einen Strudel an Abenteuern, die allesamt damit zu tun haben, dass das Baby niemand anderes als die kleine Lyra Belacqua ist.

Mein Eindruck:

Wie wohl jeder Fan der His Dark Materials-Trilogie war ich sowohl gespannt auf die neue Geschichte als auch etwas nervös, weil Zusatzgeschichten durchaus auch einen faden Beigeschmack haben können. So gibt es Fans, die Harry Potter and the Cursed Child“ schlichtweg ignorieren wollen oder Leser, denen die x-te Auskopplung im Universum von Cassandra Clares Shadowhunter-Reihe dann doch zu viel ist. Beim Lesen von „Über den wilden Fluss“ hatte ich also auch stets die Frage im Kopf, ob die Geschichte das gleiche Gefühl vermitteln kann, wie es die Bücher damals bei mir getan haben, bzw. ob die Erweiterung dem gesamten Universum etwas hinzufügt, oder lediglich Bekanntes wiederholt. Dazu später mehr.

Zunächst zu Malcolm: Für seine 11 Jahre ist er ein außerordentlich schlauer Junge, der nicht nur aufgeweckt ist, sondern auch sehr sympathisch rüberkommt. Ähnlich wie Lyra in den – inhaltlich gesehen – späteren Büchern ist er sehr neugierig, interessiert sich für die Dinge, die unsere (bzw. seine) Welt zusammenhalten und gerade die Dialoge mit seinem Daemon sind spannend und amüsant zu lesen.

Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er es in der Geschichte etwas zu einfach hat und sich seine Probleme bzw. Fragen zu leicht lösen lassen oder die Hindernisse nur „angekratzt“ werden und später umso mehr Bedeutung bekommen sollten. Beispielsweise gibt es, kurz nach Lyras Ankunft im Kloster, einen neuen „Club“ in seiner Schule, in dem die darin organisierten Kinder der Kirche berichten, ob auch alles regelkonform abläuft. „Der Bund des heiligen Alexander“, so der offizielle Name, ist eine durch und durch gruslige Einrichtung, in der die Kinder dazu angehalten werden, auch die eigenen Eltern zu verraten, wenn diese sich auch nur ansatzweise nicht dem Gedankengut der autoritär regierenden Kirche unterwerfen. Im ersten Teil der Trilogie um Malcolm spielt der Bund zwar eine Rolle – für mich war der Einfluss auf den Verlauf der Geschichte aber noch nicht dramatisch genug und ich hoffe, dass er in den nächsten Bänden für viel mehr Wirbel sorgen wird. Ähnlich ging es mir beim Lesen der Abschnitte, welche die politischen Hintergründe und Ränkespiele zwischen den verschiedenen Parteien beleuchten: Nur, wenn diese einzelnen Elemente in ihrer gesamten Wucht auf die Geschichte einwirken, wird Malcolms weitere Reise richtig spannend.

Spannung ist durchaus in „Über den wilden Fluss“ zu finden – Malcolms Reise ist in mancherlei Hinsicht definitiv rasant – und doch hatte ich immer wieder den Eindruck, dass all die Stationen, die er durchläuft um Lyra in Sicherheit zu bringen, nur der Auftakt zu den folgenden Büchern sind. Wenn die auf Malcolms Reise erwähnten Personen und Institutionen in den Folgebänden nicht eine größere Rolle spielen, könnte es durchaus sein, dass die Vorgänger-Trilogie keine Bereicherung der His Dark Materials-Welt ist.

Trotz dieser Bedenken konnte mich die Rückkehr in die Welt von Lyras und Malcolms Oxford wieder überzeugen: Gerade der Eindruck, ein Spiegelbild der eigenen Welt zu sehen, die sich doch offensichtlich von unserer unterscheidet, war wieder faszinierend. Dazu haben natürlich auch die verschiedenen Daemonen – über die man auch noch Zusätzliches erfährt – beigetragen.

Fazit:

„Über den wilden Fluss“ ist Philip Pullman ein spannender Auftakt zur neuen Trilogie gelungen, der Vorfreude auf weitere Geschichten aus diesem Universum macht. Vor allem weckt er Neugierde darauf, wie die einzelnen Elemente, die in diesem Buch angedeutet bzw. eingeführt wurden, in den weiteren Büchern dann zusammenpassen und welche Dramatik sich daraus ergibt. Mit Malcolm hat Pullman zudem eine Hauptfigur geschaffen, die ebenso sympathisch wie Lyra ist und die mich als Leser schnell vergessen ließ, dass ich vor der Lektüre Bedenken hatte, ob ich so einfach eine neue Hauptfigur dieses mir so vertrauten Universums akzeptieren könnte.

Das Buch selbst ist für Fans also definitiv ein spannendes Lesevergnügen und Neueinsteiger erfahren alles wichtige zu Lyras Welt, so dass auch ein Quereinstieg absolut lohnt.

4 von 5 Sterne.

Mehr zum Buch:*

  • Preis: 24€
  • Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
  • Verlag: Carlsen (17. November 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3551583935
  • ISBN-13: 978-3551583932
  • Originaltitel: The Book of Dust Volume One: La Belle Sauvage
  • Übersetzerin: Antoinette Gittinger

 

 

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Ein Gedanke zu “Rezension: „Über den wilden Fluss“ (Philip Pullman)

  1. Huhu 🙂
    Dieses Buch war einer der Gründe, warum ich beschlossen habe, die Originalreihe erneut zu lesen. Also eigentlich nur die Erscheinung des Buches, da ich es selbst noch nicht gelesen habe. Nach einem erneuten Besuch in Lyras Welt steht für mich aber fest, dass ich mir dieses Prequel auf keinen Fall entgehen lassen werde. Und deine Rezension hat dazu beigetragen, dass das eher früher, als später passieren wird 😉

    Liebe Grüße,
    Smarty

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