Rezension: „Olga“ (Bernhard Schlink)

In den vergangenen Jahren habe ich immer gesagt, dass mich die Bücher aus dem Diogenes Verlag noch nie enttäuscht hätten. In gewisser Weise ist das nur ein Großteil der Wahrheit. Es stimmt: In all der Zeit, in der ich nun über Bücher blogge, hat mich keines der Bücher aus diesem Verlag wirklich enttäuscht. Meist waren sie sogar so gut, dass es mir schwer fällt, nicht nur „Tolles Buch! Kauft es, lest es, liebt es!“ als Rezension zu veröffentlichen.

Eigentlich ist es die Ironie des Lebens, dass genau das erste Buch, das ich aus diesem Verlag gelesen habe, für mich einfach nur eine Qual war. Es war „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink und mein 14-jähriges Ich fand das Buch so schlecht, dass es mich – fast 14 Jahre später – beim Durchsehen der Verlagsvorschau schon beim Namen des Autors weiterblättern ließ.

Es ist einzig und allein Susanne – die meinen Lesegeschmack wie nur wenige Blogger-Betreuerinnen kennt – zu verdanken, dass es anders kam und ich „Olga“ doch eine Chance gab. Liebe Susanne, vielen Dank für Deine Überzeugungskraft und natürlich vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

(Foto: S. Schückel)

Worum geht es?

Olga ist eine ungewöhnliche Frau – zumindest für ihre Zeit. Sie wächst Anfang des 20. Jahrhunderts auf und muss sich alles, was sie im Leben erreichen möchte, hart erkämpfen. Das einzige, das sie quasi ohne Anstrengung erhält ist die Liebe von Herbert, dem Sohn der Gutsherren aus der Nachbarschaft. Doch diese Liebe darf nicht sein, stammt Olga doch aus einfachen Verhältnissen. Während sie gegen die Last ihrer Herkunft und ihres Geschlechts kämpft, nimmt die Liebe zu einem Mann, der stets das Abenteuer sucht – erst im Kolonialkrieg in Afrika, dann auf Expeditionen rund um den Globus – ihren Lauf.

Mein Eindruck:

„Olga“ erzählt die Lebensgeschichte der gleichnamigen Hauptfigur und gerade die einfachen, eindringlichen Sätze sind es, die diese faszinierende Frau greifbar machen, so als würde sie direkt im Raum sitzen. Scheinbar spielend leicht wechselt Bernhard Schlink die Perspektiven und wandelt den Roman von einer Erzählung in der dritten Person zum Ich-Erzähler im zweiten Teil und zu einem Briefroman im dritten Abschnitt. Ohne den Lesefluss zu unterbrechen folgte ich so der vielschichtigen Geschichte um eine Frau, die in ihrer Zielstrebigkeit und Ruhe, mit der sie ihre Träume versucht zu realisieren, für mich zu einem literarischen Vorbild wurde. Die Wendungen, die dieser Roman nimmt, sollte man auf keinen Fall vorweg nehmen. Sie sind überraschend und geben Olgas Leben eine Tiefe, die man Anfangs wegen der einfachen Sprache vielleicht nicht vermuten mag. Am Anfang gab es die ein oder andere Stelle, die für mich etwas langatmig beschrieben wurde – trotz dieser einfachen Sprache – allerdings ging dabei die Spannung nie verloren.

Olga ist eine Figur ihrer Zeit und doch ist sie ihrer Zeit voraus. Ihre Großmutter, bei der sie aufwächst, möchte nicht, dass sie auf eine höhere Schule geht und obwohl Olga in anderen Punkten dem Druck der Konventionen ihrer Zeit nachgeben muss, gibt sie schon früh ihr bestes um das zu tun, was sie für richtig hält. Sie ist emanzipiert, bevor Frauenbewegungen in den kleinen Dörfern des kaiserlichen Deutschlands anzukommen scheinen. Die Liebe zu Herbert, der wohl kaum ein größerer Gegenpol zu Olga sein könnte, steht unter keinem guten Stern und doch bringt gerade die nicht erlaubte Beziehung der beiden die Stärke Olgas noch weiter zum Ausdruck.

Herbert, den man wohl am besten als Wildfang beschreiben könnte, der im wahrsten Sinne durchs Leben rennt und immer neue Herausforderungen sucht, neue große Taten vollbringen will, ist immer wieder lange abwesend. Olga, die weiß, dass er nicht anders kann, unterstützt ihn und doch stellt der Roman immer wieder die Frage danach, was Liebe darf und was Liebe für den Partner bedeuten kann und was sie vom Partner fordern darf – oder fordert, ohne zu fragen. Eine weitere Frage, die aufgeworfen wird, ist die nach den großen Ideen, welche jede Generation zu haben scheint. Jede Generation drängt nach Aufbruch oder Umbruch oder Wandel in irgendeiner Form und „Olga“ fragt, wann diese Ideen zu groß werden, um noch gut zu sein. Die Antwort überlässt Schlink dem Leser seines Buches.

Fazit:

„Olga“ hat mich mit dem Autor Bernhard Schlink versöhnen können – ja, es ist ihm sogar gelungen, dass ich sein wohl berühmtestes Werk, „Der Vorleser“, noch einmal mit meinen heutigen Augen lesen möchte. „Olga“ ist ein Roman, der Mut macht, wenn das Leben nicht einfach ist, der Kraft gibt, wenn die Liebe leichter sein könnte und der Freude beim Lesen macht.

Noch einmal: Danke, Susanne. Und, lieber Herr Schlink, bitte entschuldigen Sie, dass mir dieses wunderbare Buch beinahe entgangen wäre.

4 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:*

  • Preis: 24€
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (12. Januar 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257070152
  • ISBN-13: 978-3257070156

Bis zum 19.1.2019 könnt Ihr hier ein Interview mit Bernhard Schlink zum Buch sehen: Link.

 

3 Gedanken zu “Rezension: „Olga“ (Bernhard Schlink)

  1. Liebe Sarah,

    wie schön, dass du nun eine andere Seite an Bernhard Schlink entdecken konntest. Und wer weiß: Vielleicht kann dich „Der Vorleser“ nun nach so vielen Jahren doch überzeugen?! Ich mochte das Buch jedenfalls sehr, habe es allerdings auch nicht mit 14 Jahren, sondern rund 10 Jahre später gelesen.

    Manchmal habe ich den Eindruck, dass auf Jugendliche und junge Erwachsene in Rahmen des Unterrichts Werke „losgelassen“ werden, die man in diesem Alter einfach kaum verstehen oder wertschätzen kann, weil man selbst noch nicht einmal ansatzweise vergleichbare Erfahrungen machen konnte, weil einem bestimmte historische oder sonstige Hintergründe fehlen oder man durch den starren Schulunterricht, der Lerninhalte selten so fächerübergreifend vermittelt, wie es ein Studium tut, noch nicht in der Lage ist, Dinge weitgreifender zu erfassen und in größere Kontexte zu setzen. Zumindest für mich konnte ich das so feststellen und ich bin im Nachhinein dankbar, dass wir neben Goethe und Schiller kaum etwas anderes im Unterricht gelesen haben, denn so kann ich all die Klassiker und „großen Werke der Literatur“ nun ohne Zwang und mit mehr Lebenserfahrung kennenlernen und genießen. 😉 Ich wünsche dir, dass du dich beim Reread ebenso gut auf „Der Vorleser“ einlassen kannst und bin gespannt auf deine Eindrücke. 🙂

    Liebe Grüße
    Kathrin

    PS: „Olga“ stand schon auf meiner Merkliste und mit jeder so feinfühligen und persönlichen Besprechung wie deiner kommt hinter diesen Titel ein größeres Ausrufezeichen, damit ich den Titel ja nicht aus den Augen verliere. 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Ah, freut mich sehr, dass dir Olga auch so sehr gefallen hat. 🙂 Ich habe mit ungefähr 17 den „Vorleser“ gelesen und das Buch hat mich zu einem stetigen Leser gemacht. Vorher war ich eher ein Teilzeit-Leser. Ich habe dem Herrn Schlink also viel zu verdanken. Vielleicht wäre dein Lese-Erlebnis mit dem Vorleser heute auch anders!? Zumindest ist das die Erfahrung, die ich gemacht habe. Manchmal wirken die Dinge ein paar Jahre später anders auf einen.

    Was mich sehr gekränkt hat ist wie Denis Scheck in seiner LIteraturkritik Olga bzw. Schlink als „bieder“ beschrieben hat und das Buch als durchschnittliches Buch deutscher Geschichte. Ich habe es ganz anders erlebt, v.A. war für mich Olgas Rolle bezeichnend und ich möchte sogar sagen immer noch sehr aktuell.

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