Rezension: „Sommernachtsreigen“ (Anna Herzig)

Eigentlich wollte ich auf der Leipziger Buchmesse dem Stand vom Voland & Quist Verlag einen Besuch abstatten. Eigentlich hatte ich dafür extra mit Verleger Sebastian Wolter am Messesonntag um 13 Uhr einen Termin ausgemacht. Aber dann kam das Winterchaos und zwischen Dresden und Leipzig ging gar nichts mehr. Zum Glück konnte meine Bloggerkollegin Julia den Termin spontan übernehmen. Traurig war ich dennoch. Umso schöner, dass Sebastian mir ein Buchpaket mit Rezensionsexemplaren zukommen ließ. Vielen Dank dafür!

Den Anfang macht „Sommernachtsreigen“, das mir die Fahrten zur Arbeit versüßen konnte.

(Foto: S. Schückel)

Worum geht es?

Es geht um zwei Männer, die sich an einer Nachtbushaltestelle in Wien durch Zufall treffen. Der eine, der Bertl, ist verheiratet und unglücklich in seiner Ehe. Der andere, der Pawel, hat eine Geliebte und ist unglücklich im Leben. Beide verbindet mehr, als sie zunächst ahnen. Und dann ist da noch Hannerl, die eigentlich alles falsch macht und doch die Chance erhält, alles richtig zu machen.

Mein Eindruck:

Anna Herzig schafft es in „Sommernachtsreigen“ auf guten 160 Seiten so viel zu sagen, wie manch ein anderer Schriftsteller auf doppelt- oder dreifach so vielen Seiten nicht. Sie schreibt reduziert, gibt teilweise über mehrere Seiten nur die Dialoge wider, so als würde man als Leser auch an der Bushaltestelle stehen und dem Gespräch zwischen Bertl und Pawel lauschen. Manchmal macht es das nicht einfach, denn man verwechselt das ein oder andere Mal, wer jetzt was gesagt hat – aber auch diese Verwechslungsmomente scheinen genau gewollt. Denn das, was die Figuren in Anna Herzigs Buch tun und sagen ist universell.

Glück

Manchmal erkennt man Glück, manchmal findet man Glück, manchmal spürt man Glück, aber meistens wird es nur gesucht. Egal in welcher Form Glück auftritt, was macht man, wenn man erkennt, was man gefunden hat, und spürt, dass es das ist, was man sucht?

(S. 110)

Eigentlich müsste das, was Anna Herzig im Buch schreibt, zu viel für eine einzelne Geschichte sein. Eheprobleme, Seitensprung, Kindheitstraumata, spätes Coming-Out, Sinnsuche – betrunkene Sinnsuche -, Neuanfänge – all diese Dinge könnten für sich auch jeweils einen Roman bilden. Dennoch passen all diese Puzzleteile, die zum Großteil an einer Bushaltestelle zu nachtschlafender Zeit spielen, merkwürdigerweise – wunderbarerweise – zusammen.

Als Mensch manövrierst du dich mal mehr, mal weniger gut durchs Leben und verwendest unheimlich viel Kraft darauf, Kontrolle zu erlangen. […] Rudern, kentern, blöd schauen und keinen Plan haben, welche Richtung gut ist, gehört halt auch zum Menschsein dazu.

(S. 124)

Zwischen den Dialogen gibt es immer wieder Rückblenden auf das, was die Figuren ausmacht; die zeigen, wieso sie so sprechen wie sie sprechen. Das macht sie realer, so als könne man ihnen wirklich an einer Bushaltestelle begegnen und ihre Gespräche belauschen. Beeindrucken dabei ist, dass niemand für die Fehler, die er oder sie begangen hat, verurteilt wird. Die Autorin zeigt den Leser*innen die Seelen ihrer Figuren, zeigt, dass es nie nur schwarz oder nur weiß darin gibt, sondern das menschliche Leben eine Ansammlung von Grautönen ist.

Fazit:

„Sommernachtsreigen“ ist ein Buch, nach dessen Lektüre man sich mit all seinen Macken ein klein wenig lieber hat und das so guttut wie ein lauwarmer Sommerregen. Anne Herzig ist es gelungen, die Geschichte auf das Wesentliche zu reduzieren und trotz der manchmal etwas unklaren Dialogstruktur hat sie das Leseerlebnis für mich umso intensiver gestaltet.

4 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch*:

  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
  • Verlag/Leseprobe: Verlag Voland & Quist (9. März 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3863912020
  • ISBN-13: 978-3863912024

Ein Gedanke zu “Rezension: „Sommernachtsreigen“ (Anna Herzig)

  1. Liebe Sarah,
    Die Buchmesse liegt jetzt leider schon eine Weile zurück, aber es war wirklich toll, dich persönlich getroffen zu haben! ❤ Und der Termin mit Sebastian war wirklich super. "Sommernachtsreigen" habe ich auch mitgenommen und war davon auch so begeistert wie du. Mit deinen Worten triffst du die Stimmung der Geschichte wirklich richtig gut. Eine tolle Rezension hast du geschrieben.
    Die Zitate haben mir auch gut gefallen. Ich habe mir beim Lesen auch so viele schöne Sätze rausgeschrieben. Der Verlag macht echt gute Bücher. 😉
    Liebe Grüße, Julia

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