Rezension: „Flut“ (Hugh Aldersey-Williams)

Wie man auch am Blogdesign unschwer erkennen kann, liebe ich das Meer. Ganz besonders hat es mir die Nordsee angetan: Die dort so stark spürbaren Gezeiten lassen mich vom Alltag komplett abschalten und wenn ich über das Watt spaziere und mir bewusst mache, dass dies durch die Anziehungskraft des Mondes bewirkt wird, werden all diese nervigen Probleme, die man tagtäglich ja doch irgendwie mit sich schleppt, unwichtig. Ich wollte mehr über dieses Phänomen erfahren, das mich bei meinen Urlauben immer so fasziniert und habe dabei dieses Buch entdeckt.

Vielen Dank an den Hanser Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

(Foto: S. Schückel)

Worum geht es?

Die Gezeiten haben schon immer einen Einfluss auf das Leben der Menschen gehabt – und das nicht nur in Küstenregionen mit starken Gezeiten. Die Erforschung der Einflussfaktoren, welche die Gezeiten unterschiedlich stark werden lassen, hat im Laufe der Jahrhunderte einen mehrfachen Wandel durchgemacht – zumeist bedingt durch wirtschaftliche oder militärische Interessen. Doch auch trotz modernster Messmethoden und immer komplexerer Berechnungen, lassen sich die Gezeiten auch heutzutage nie zu 100% genau vorhersagen. Hugh Aldersey-Williams zeichnet in seinem Buch den Werdegang der Erforschung der Gezeiten nach und zeigt, auf welche Aspekte des alltäglichen Lebens Flut und Ebbe Auswirkungen haben bzw. hatten.

Mein Eindruck:

Die Begeisterung für das Meer und die Gezeiten ist in diesem Buch ohne Frage spürbar. An vielen Stellen habe ich mich selbst wiedererkannt: immer dann, wenn der Autor von vermeintlich kleinen Dingen fasziniert ist. Ebbe und Flut haben große aber auch kleine Auswirkungen. Bei all den offensichtlichen Dingen, die von der Tide beeinflusst werden, nicht die kleineren Phänomene aus den Augen zu verlieren – genau daran erkennt man, dass Hugh-Alderseys Interesse tiefer geht.

Leider führte das im Buch manchmal zu Längen, die weniger Inhalte transportierten, als im Klappentext versprochen war. Ja, es geht unter anderem auch mal ein Stück darum, dass die Gezeiten den Ausgang von Schlachten – und damit Kriegen – bewirkt haben und somit das Weltgeschehen beeinflusst haben. An anderer Stelle berichtet der Autor jedoch, dass derjenige, der für ein Bauprojekt zum Schutz Venedigs (welches immer stärker von den Fluten bedroht wird) zuständig ist, ihm erst sehr viel über seine Familie erzählt. Okay, interessant – aber warum muss ich zwei Seiten dazu lesen, wenn der besagte Bauprojektleiter leider ansonsten keine Inhalte zum Buch beizusteuern weiß.

Hugh Aldersey-Williams ist Brite und lebt in London bzw. Norfolk. Dadurch liegt der Fokus natürlich auf den Küsten des Vereinigten Königreiches, was völlig verständlich ist. Bei einem populärwissenschaftlichen Buch – das folglich einer großen Masse an Menschen ein bestimmtes Wissensgebiet näherbringen soll (hier: die Gezeiten) – erwarte ich jedoch eine größere Vielfalt, denn die Gezeiten hinterlassen ihre Spuren auf unterschiedlichste Weise. Beispielsweise wäre es sehr interessant gewesen, mehr über die Unterschiede des Wattenmeeres verschiedener Küstenregionen zu erfahren. Naheliegend wäre dabei ein Vergleich der englischen Nordseeküste mit dem Wattenmeer in der Deutschen Bucht gewesen – schließlich gilt die etwa 450 km lange und bis zu 40 km breite Landschaft zwischen Skallingen (Dänemark) im Nordosten und Den Helder (Niederlande) im Südwesten als das größte Wattenmeer der Welt. Ich mag als Nordsee-Fan etwas befangen sein, aber irgendwie kam es mir beim Lesen so vor, als würde der Autor den sinnbildlichen Elefanten im Raum ignorieren.

Bis auf die oben erwähnten Längen ist das Buch jedoch einwandfrei zu lesen und dem Autor gelingt es, ein sehr komplexes System an Einflüssen, die alle auf die Gezeiten wirken, so zu erklären, dass man am Ende mehr von der Tide versteht als der Durchschnitts-Tourist („Der Mond saugt das Wasser weg.“ – so mehrfach an der Nordseeküste gehört). Die stets für den jeweiligen Ort angegebenen Gezeitenstände zeigen – ohne, dass viele Worte nötig wären – wie unterschiedlich die Gezeitenstände an ganz verschiedenen Orten sein können.

Fazit:

Für Menschen, die das Meer lieben, ist dieses Buch definitiv eine gute Idee, jedoch würde ich den Klappentext mit Vorsicht genießen, da die darin erwähnten Themen die Erwartungen schnell zu hochschrauben können. An manchen Stellen hätte ich gerne mehr gelesen, an anderen hätte ich gerne den Rotstift angesetzt und einigen Text gestrichen. Im Grunde ergibt das dann ein solides Buch, das vielleicht für den nächsten Flug an Großbritanniens Küsten geeignet ist.

3 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:*

  • Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
  • Verlag / Leseprobe: Hanser Verlag (20. Februar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446254978
  • ISBN-13: 978-3446254978
  • Originaltitel: Tide

 

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