Rezension: „Palast der Finsternis“ (Stefan Bachmann)

Der „Third Person Effect“ ist eine Theorie die besagt, dass man denkt, die Wirkung von Werbung sei auf Mitmenschen stärker als auf einen selbst. An diese Theorie, die ich in meinem Studium kennengelernt habe, musste ich unwillkürlich denken, als ich auf der Leipziger Buchmesse 2017 das Herbstprogramm des Diogenes Verlags vorgestellt bekam und zum ersten Mal das Cover von „Der Palast der Finsternis“ sah. Die Theorie schien mir mit einem mal übertragbar: Die Wirkung von Buchcovern, so dachte ich, ist auf meine Bloggerkollegen stärker als auf mich selbst. Wie schnell ein Cover mich in seinen Bann ziehen kann, merkte ich inmitten des Buchmesse-Getümmels – und dabei sah ich nur die Vorschau zum Cover. Wie beeindruckend dreidimensional es wirklich schillert, sah ich erst, als es bei mir daheim ankam.

Vielen Dank an den Diogenes Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Und ein noch größeres Dankeschön dafür, dass ich keinen Zeitdruck bei den Rezensionen habe!

(Foto: S. Schückel)

Inhalt:

Anouk hat alles daran gesetzt, einen der Expeditionsplätze zu bekommen. Nun hat sie es geschafft – zusammen mit vier anderen Jugendlichen soll sie einen uralten unterirdischen Palast nahe Paris erforschen. Diesen ließ ein verrückter Adeliger angeblich für seine Familie erbauen, damit diese die Französische Revolution überstehen könnten. Anouk mag ihre Mitstreiter nicht sonderlich und doch sind die besser als das, was sie zu Hause zurücklässt. Zumindest erscheint ihr das zunächst so. Was sie nicht ahnt ist, dass der Palast ein gigantisches Labyrinth ist und nicht nur seltsame und gefährliche Fallen enthält, sondern auch mehr Rätsel als der Gruppe lieb ist.

Mein Eindruck:

Die Geschichte, die Stefan Bachmann hier beschreibt ähnelt dem von ihm erfundenen Palast: Sie ist vielschichtig, verworren, wirft immer wieder neue Fragen auf und stellt den Leser auf die Probe. Wieso steckt man fünf Jugendliche in einen geheimen, bisher nicht erforschten, unterirdischen Palast? Diese Frage ist nur eine von vielen, die sich während des Lesens stellen. Ich verrate Euch nicht zu viel, wenn ich sage, dass alle Fragen beantwortet werden. Stefan Bachmann löst dabei das Gewirr aus Fragen trotz der stetigen Spannung so langsam auf, dass man atemlos mit Anouk und den anderen durch die Palastgänge rennt und von Rätsel zu Rätsel – und Falle zu Falle – stolpert. An manchen Stellen hätte ich mir zwar gewünscht, dass noch ein paar Erklärungen mehr fallen, dass manches genauer beleuchtet wird – aber insgesamt ist das Buch in seiner Auflösung so stimmig, dass das wohl nur der Wunsch nach etwas mehr Lesespaß ist, um ein wenig länger in dieser Geschichte zu bleiben.

Anouk ist eine Figur mit der ich zugegebenermaßen zunächst warm werden musste. Sie ist – das kann man wohl ohne Zweifel sagen – rotzfrech und so sehr Teenager, dass ich die anderen vier – Lilly, Will, Jules und Hayden – gut verstehen konnte, wenn sie von ihr genervt waren. Und doch schimmert durch ihre abweisende Haltung eine Verletzlichkeit durch, die letztlich meine Skepsis in Sympathie umschlagen ließ. Sowieso ist die Gruppe der scheinbar willkürlich zusammengewürfelten Teenager zunächst merkwürdig. Bachmann gelingt es aber, bei all den Schreckensmomenten im Palast, eine Verbundenheit zwischen diesen gegensätzlichen Persönlichkeiten aufzubauen.

Immer wieder gibt es Rückblenden in den Palast vor hunderten von Jahren zur Zeit der Französischen Revolution. Auch dort werden mehr Fragen aufgeworfen, als es Antworten zu geben scheint. Beide Erzählebenen ergänzen sich jedoch wie Zahnräder, die ineinander greifen und so war beim Lesen zwar immer klar, in welcher Zeitebene ich mich befand, aber ich störte mich überhaupt nicht am stetigen Wechsel. Das lag auch daran, dass Bachmann mit seinem Schreibstil einen Sog entwickelt hat, der mich nicht mehr losließ. Ausführliche Beschreibungen der verschiedenen Räume im Palast folgen auf Schlagschatten ähnelnden Eindrücke Anouks und im nächsten Moment folgt man tiefgründigen Gedankengängen – die Bandbreite der Szenen ist enorm.

(Aus meinem Instagram-Feed, erstellt mit Canva)

Fazit:

„Don’t judge a book by its cover“, heißt es so schön und in der Tat sollte man nicht hinter jedem hübschen Cover eine ebenso großartige Geschichte vermuten. In diesem Fall wäre eine derartige Vermutung jedoch berechtigt, denn so schön und mysteriös – und ja, so gefährlich – wie das Cover des Buches wirkt, ist auch die eigentliche Geschichte. Stefan Bachmann spielt mit verschiedenen Elementen der Phantastik und des Horror-Genres und so, wie die Schmetterlinge vorne auf dem Buch in den Palast hineinflattern, so arglos folgt man dem Autor in diese vielschichtige und rasante Geschichte. An manch einer Stelle hätte er gerne bestimmte Dinge ausführlicher schildern können. Der Geschichte tut das aber keinen Abbruch.

4 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:*

  • Preis: 18 €
  • Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (23. August 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257300557
  • ISBN-13: 978-3257300550
  • Originaltitel: A Drop of Night
  • Übersetzerin: Stefanie Schäfer

3 Gedanken zu “Rezension: „Palast der Finsternis“ (Stefan Bachmann)

  1. Hey!
    Eine wirklich tolle Rezension 🙂
    Nicht zu kurz, nicht zu lang.
    Ich fand das Cover richtig cool, besonders aufgrund des Glanzeffektes.
    Und wie du schon sagst wirkte es genauso mysteriös und düster, wie die Geschichte selbst.
    Anouk war mir tatsächlich von Anfang an total sympathisch, aber ich bin auch ein großer Fan dieser frechen, ironischen Charaktere.

    Liebe Grüße,
    Nicci

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  2. Ah, ich habe jetzt gar nicht so viel gelesen, denn das Buch liegt noch auf meinem SUB.
    Aber ich will es dieses Jahr noch unbedingt lesen!!!!

    Liebe Grüße Anett.

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