Rezension: „Lieber Feind“ (Jean Webster)

Ich lese selten das, was man gängigerweise als Liebesroman bezeichnet. Liebesgeschichten an sich kommen in wohl fast jedem von mir gelesenen Buch vor und stören mich da auch überhaupt nicht. Irgendwie lese ich aber kaum Bücher, in denen die Liebesgeschichte die Haupthandlung ausmacht. Und wenn man es ganz genau nimmt, dann ist auch „Lieber Feind“ kein solches Buch.

Ein herzliches Dankeschön geht an den Carlsen Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar gegeben hat.

„Lieber Feind“ ist übrigens der Nachfolger von Jean Websters „Lieber Daddy-Long-Legs“ welches ich ebenfalls rezensiert habe. Es empfiehlt sich, das Buch bereits gelesen zu haben.

Ohne Schutzumschlag einfach schöner (Foto: S. Schückel)

Inhalt

Sally McBride, Judys beste Freundin, soll das Waisenhaus leiten, in dem Judy aufwuchs – und hält ihre beste Freundin, die diesen Plan geschmiedet hat, für reichlich verrückt. Doch der Mann, den sie als ihren zukünftigen Ehemann auserkoren hat, lacht sie aus und so willigt Sally doch ein, das John-Grier-Heim zumindest erst einmal zu leiten.

Es ist allerdings eine Sache, aus Stolz heraus ein Kinderheim leiten zu wollen – und eine völlig andere, plötzlich für einhundert Kinder zuständig zu sein, die in einem Heim leben, das dringend Veränderungen sehen muss. Und so schreibt Sally Judy regelmäßig Briefe über die verschiedenen Fortschritte und Rückschläge im Heimalltag. Und sie schreibt auch von den Briefen, die sie an den Kinderarzt Dr. Robin MacRae verfasst – den sie ihren „lieben Feind“ nennt.

Mein Eindruck:

Schon in „Lieber Daddy-Long-Legs“ war ich fasziniert davon, als wie stark Jean Webster ihre weiblichen Hauptfiguren darstellt. Man darf nicht vergessen, dass sie Daddy-Long-Legs 1912 und „Lieber Feind“ 1915 schrieb und Frauen zu diesem Zeitpunkt eine ganz andere Rolle in der Gesellschaft als heute zugestanden wurde. Auch „Lieber Feind“ hat mit Sally eine Hauptfigur, die ihren eigenen Weg gehen will bzw. gehen lernt. Wie auch bei Judy sieht man eine Entwicklung, die Sally durchmacht. Erst ist sie lediglich stur, will beweisen, dass sie durchaus ein Waisenhaus leiten kann – und muss dann feststellen, dass diese Sache doch nicht so einfach ist wie gedacht. Doch anstatt aufzugeben, wie ihr Auserkorener es erst vorschlägt und dann fordert, wächst Sally mit jeder neuen Aufgabe.

Die Tatsache, dass das Buch sich durch seine Briefstruktur und die angenehm leicht zugängliche Sprache sehr schnell weglesen lässt, konnte mich jedoch nicht darübe hinwegtäuschen, dass einige Stellen durchaus problematisch sind. Eigentlich gibt es sogar zwei Punkte im Buch, die mich haben stutzen lassen:

  1. Zum einen ist da die „Eugenik“, die im Buch immer wieder Erwähnung findet. In der Geschichte werden Ausdrücke wie „Idiotie“, „schwachsinnig“ und „geisteskrank“ in Verbindung mit Genetik gebracht und es wird angedeutet, dass schlechte Erbanlagen ausgemerzt werden müssten. Erst im Nachwort findet sich der Verweis auf die Gräueltaten, die derartige Thesen bewirkt haben. In diesem Nachwort steht, dass man sich „mit den Ursprüngen dieses Denkens“ beschäftigen muss, da diese Thesen zwar widerlegt aber seit der Jahrtausendwende wieder unter rassistischen Gesichtspunkten in die Diskussion gebracht werden. Deshalb seien diese Textaspekte auch im Buch belassen worden. Ich finde, man hätte hier noch einen Schritt weiter gehen müssen, in dem man der Geschichte diesen Text voranstellt.
  2. Auf die gleiche Art und Weise sind zudem einige Aspekte der Erziehung der Kinder im Buch einzuordnen. Sally bemüht sich durchaus, den Kindern eine liebevolle Umgebung zu bieten – dennoch wird immer wieder erwähnt, wie Kinder mit Gewalt gemaßregelt werden. Ich musste hierbei sofort an die UN-Kinderrechtskonvention denken, die bei uns sogar in der Schule thematisiert wurde. Artikel 19 besagt, dass Kinder Schutz vor Gewaltanwendung, Misshandlung und Verwahrlosung erfahren müssen. Ich hätte mich gefreut, wenn dieser so wichtige Punkt dem Buch ebenfalls vorangestellt würde. Für viele Kinder sind Bücher Zuflucht vor einer beinahe unerträglichen Realität und es handelt sich hier um ein Jugendbuch. Es wäre deshalb nur richtig, wenn von vornherein deutlich wäre, dass Kinder und Jugendliche ein Recht auf Gewaltfreiheit haben – idealerweise mit dem Hinweis darauf, dass sie sich Hilfe suchen können und sollen.

Versteht mich nicht falsch, das Buch macht trotz dieser zwei Aspekte sehr viel Spaß beim Lesen. Aber diese beiden Punkte ließen mich beim Lesen immer wieder zusammenzucken und auch die dem Text beigefügte Anmerkung zum Schluss hat den etwas bitteren Beigeschmack nicht gänzlich beseitigen können. Vielleicht liegt das auch daran, dass das Buch nicht ganz den Zauber des Vorgängers einfangen kann. Dazu sind die Briefe, die Sally schreibt, zu unterschiedlich und teilweise auch beinahe banal.

Interessant fand ich – wie auch bei „Daddy-Long-Legs“ – wie wenig Sally in die damalige Zeit zu passen scheint. In diesem Buch ist sogar noch stärker zu beobachen als im Vorgängerband, denn Judy hat durch das Waisendasein ohnehin nicht auf typische Weise in die Gesellschaft gepasst. Deshalb war ihre Eigenständigkeit erwartbar. Dagegen ist Sally zu Beginn des Buches noch selbst davon überzeugt, ihr wahres Ziel sei es, einen Ehemann zu finden (oder in ihrem Fall: die Beziehung zum potentiellen Auserwählten zu pflegen). Das spiegelt sich auch in den ersten Veränderungen im John-Grier-Heim. Diese sind alle oberflächlich (wenn auch sicher durchaus notwendig) und erst nach und nach spürt sie, dass diese Aufgabe auch für sie persönlich wichtig ist – womit tiefgreifendere Umstrukturierungen beginnen.

Fazit:

Die Botschaft des Buches, das man mehr Dinge kann als andere Menschen von einem erwarten, ist eine sehr wichtige. Wie oft wird uns gesagt „Das kannst du nicht“? Wie oft bekommen wir zu hören, dass eine Aufgabe zu schwierig, zu groß und zu komplex für uns sei? Es ist so wichtig, zu wissen, dass diese gedanklichen oder ausgesprochenen Grenzen überwunden werden können.

In diesem Sinne: Lasst Euch nicht sagen, was machbar ist oder nicht – findet es selbst heraus.

3 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:*

  • Preis: 18,99€
  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Königskinder
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3551560455
  • ISBN-13: 978-3551560452
  • Originaltitel: Dear Enemy / Übersetzer: Ingo Herzke

Ein Gedanke zu “Rezension: „Lieber Feind“ (Jean Webster)

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