Rezension: „Sommerfrauen, Winterfrauen“ (Chris Kraus)

Nachdem mich „Das kalte Blut“ auch nach dem Lesen noch sehr lange beschäftigt hat, war mir bereits bei der Vorstellung des Diogenes-Herbstprogramms auf der Leipziger Buchmesse klar, dass ich den neuen Chris Kraus unbedingt lesen möchte.

Vielen lieben Dank an den Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

(Foto: S. Schückel)

Inhalt:

Jonas Rosen ist Filmstudent und nimmt an einem Seminar des sehr exzentrischen Berliner Regisseurs Lila von Dornbusch teil. Für diesen Kurs soll er in New York City einen Film über Sex drehen – eine Aufgabe, die in den Details nicht weniger bizarr als der Dozent ist.

In New York angekommen soll Jonas zunächst eine Unterkunft für seine Kommilitonen organisieren und gerät dabei über die Personen, die er kennenlernt, in eine merkwürdige Welt. Und schließlich trifft er sich mit seiner Tante, mit deren Vergangenheit er sich nicht auseinandersetzen will – und es doch muss, da es in gewisser Hinsicht auch seine Vergangenheit ist.

Mein Eindruck:

Ich habe lange überlegt, ob und wie ich „Sommerfrauen, Winterfrauen“ unabhängig von „Das kalte Blut“ besprechen kann und irgendwann wurde mir dann klar, dass mir das eigentlich nicht möglich ist.

Während Chris Kraus in „Das kalte Blut“ in einer fiktiven Geschichte zweier Brüder die eigene Familiengeschichte aufarbeitet – sein Großvater war gehörte im zweiten Weltkrieg zu den Tätern – wirkt „Sommerfrauen, Winterfrauen“ thematisch auf den ersten Blick völlig anders. Es spielt in den neunziger Jahren und die Aufgaben, die Jonas Rosen für das reichlich ausgefallene Seminar erledigen muss, könnten kaum weniger mit der Zeit der Nazis zu tun haben. Und doch wirkt dieses neue Buch irgendwie wie eine logische Weiterentwicklung.

Während die Geschichte von Kraus‘ Großvater in „Das kalte Blut“ eingeflossen ist, scheint „Sommerfrauen, Winterfrauen“ die Aufarbeitung der Gefühlswelt des Autors in Bezug auf die Nazivergangenheit in der eigenen Familie zu sein. Ich mag mit dieser Interpretation völlig falsch liegen, aber beim Lesen musste ich immer wieder an seinen Besuch beim Diogenes-Bloggertreffen auf der Leipziger Buchmesse 2017 denken, als er erzählte, erst spät von der Nazivergangenheit seines Großvaters erfahren zu haben. Immer wieder überlegte ich also, inwieweit das Gefühlswirrwarr von Jonas das des Autors gewesen sein könnte.

Thematisch ist „Sommerfrauen, Winterfrauen“ also auf den ersten Blick eine völlig andere Welt und doch ergeben sich immer wieder Parallelen zu „Das kalte Blut“. In „Sommerfrauen, Winterfrauen“ geht es um den Umgang mit der Vergangenheit und auch hier sind die Schilderungen der Taten der Nationalsozialisten sehr heftig. In den Teilen des Buches, in denen in Protokollform diese Taten geschildert werden, kann man sich der Grausamkeit und Willkür dieses Regimes nicht entziehen. Das Buch mag während einer langen Hitzeperiode erscheinen, beim Lesen wird einem jedoch eiskalt.

Die Protokollsequenzen könnten zudem in keinem größeren Gegensatz zur sonstigen Erzählebene stehen. Der Bruch zwischen den Gräueltaten der Nazizeit und der eigentlichen Banalität des Film-Seminars, lässt die verschiedenen Elemente umso intensiver wirken.

Sprachlich kommt „Sommerfrauen, Winterfrauen“ beinahe flapsig daher. Das passt zur Kunstszene der neunziger Jahre und Jonas als Figur und der Wechsel zwischen dem, was Jonas in New York erlebt und dem was im Protokoll steht wird dadurch noch frappierender.

Die Charaktere im Buch sind jeder für sich so überspitzt, dass sie als Gesamtheit beinahe unglaubwürdig wirken. Diesen Eindruck hatte ich beim Lesen und auch nach Beendigung des Buches bleiben diese Figuren allesamt trotz ihrer Exzentrizität und der Vielfalt in ihren Persönlichkeiten doch irgendwie blass.

Fazit:

In „Sommerfrauen, Winterfrauen“ nimmt sich Chris Kraus der Bandbreite des Umgangs mit der Nazivergangenheit in der eigenen Familie an. Zwischen der „Ich will nix davon wissen“-Haltung und den Momenten, in denen die Konfrontation mit den Taten der Vorfahren unvermeidlich wird, ist hierbei alles dabei. Der/Die Leser*in ist es schlussendlich, der/die in die Pflicht genommen wird, zu entscheiden, wie man selbst damit umgehen würde – und ob die Ansichten von Tante Paula korrekt sind.

Kraus verpackt ein heftiges Thema – die Aufarbeitung von nationalsozialistischen Taten in der eigenen Familie – in flapsige und exzentrische Charaktere und eine abstruse Ausgangssituation, welche den eigentlichen Inhalt des Buches noch stärker hervorhebt.

4 von 5 Sternen

Mehr zum Buch:*

 

  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag / Leseprobe: Diogenes Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257070403
  • ISBN-13: 978-3257070408

 

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4 Gedanken zu “Rezension: „Sommerfrauen, Winterfrauen“ (Chris Kraus)

      • Liebe Sarah,

        oh ja, ich habe mich doch wirklich beworben und tatsächlich gewonnen o.0.
        Gestern kam dazu ein wundervolles Päckchen vom Diogenes-Verlag mit Large-Notizbuch, dem Buch und einem Miffy-Aufkleber <3.

        Muss aber vorher noch ein Buch für den Literatursalon lesen und dann geht es mit "Sommerfrauen, Winterfrauen" los.

        Morgen einen guten Wochenstart,
        Simone.

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  1. Hallo Sarah,

    habe jetzt das Buch gelesen und heute ein paar Gedanken dazu aufgeschrieben:

    Es war mein erstes Buch von Chris Kraus und man merkt ihm den Regisseur und Drehbuchautor an, sodass es ein starkes Dialogbuch war. Mir hat es gefallen in seiner lakonischen Art und die Stränge waren gut erzählt. Allerdings hat mir dann doch das „Quentchen“ für 5 Sterne gefehlt.

    Hier meine kleine Rezension:

    Das Buch beginnt mit einem Vorwort von Puma Rosen. Sie ist die Tochter von Jonas Rosen, der 2 Monate 1996 in New York verbrachte. Dort verfasste er drei Kladden, die in diesem Roman wiedergegeben werden. Es ist das Tagebuch des Filmstudenten Jonas, der für seinen bizarren Dozenten und Berliner Regisseur Lila von Dornbusch (angelehnt an Rosa von Praunheim) in der Hauptstadt der USA einen Film über Sex drehen soll.

    Damit startet ein exzentrischer Roman, indem der ein wenig verklemmte Filmstudent einem Familiengeheimnis auf die Spur kommt, bei einem Filmprofessor, bei dem er lebt, entdeckt er im Unrat Briefe und Gedichte von Herbert Huncke, Allen Ginsberg und William S. Burroughs. Er ist in Deutschland mit Mah – einer eifersüchtigen einnehmenden Vietnamesien liiert und lernt in New York Nele vom Goethe Institut kennen – eine neurotische „Sommerfrau“. Sie nähern sich an, aber Jonas ist in Gedanken immer bei seiner „Winterfrau“ Mah.
    Es passiert einiges um Jonas. Er lernt viele eigenartige Menschen kennen, es gibt Schwangerschaften, Selbstmordversuche und die Eigentümlichkeiten der Freundinnen. Außerdem wird der Holocaust angesprochen, dabei möchte Jonas doch keinen „Nazischeiß“ drehen. Es spielt auch immer wieder die Weltstadt an der Ostküste der USA eine Rolle mit Raubüberfällen, einem Hurricane und egozentrischen Menschen.
    Lakonisch wird das Ganze erzählt und sehr unterhaltsam, weil Jonas Beobachtungen auch komisch sind. Die vielen Stränge stören dabei nicht und sie werden gut aufgelöst.
    Ein kurzweiliges Buch von Kraus, der als Regisseur und Drehbuchautor natürlich super mit Dialogwitz im Buch unterhält. Zuerst fürchtet sich Jonas vor sich selbst und zum Schluss ist es für ihn eine Reise zu sich selbst geworden.

    Ein lesenswertes modernes Buch mit viel Situationskomik, ernsten Themen und Absonderlichkeiten von Menschen.

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