Rezension: „Wie ein leeres Blatt“ (Boulet / Pénélope Bagieu)

[Rezensionsexemplar, vielen Dank an den Carlsen Verlag hierfür!]

Was würdet Ihr tun, wenn Ihr Euch plötzlich nicht mehr an Euer Leben erinnern könnt? Wenn Ihr auf einer Parkbank sitzt und einfach denkt „…. Huch?“ und alle Erinnerungen an Euer Leben sind weg.

Wer seid Ihr? Welche Träume und Ziele habt Ihr? Wer ist Eure Familie? Welchen Beruf habt Ihr?

(Foto: S. Schückel)

Genau in dieser Situation findet sich Eloїse wieder.

Eines Tages sitzt Eloїse auf einer Parkbank und muss feststellen, dass all ihre Erinnerungen an ihr Leben verschwunden sind. Sie kann sich an alle möglichen alltäglichen Dinge erinnern – wie man mit der Métro fährt, oder wer Britney Spears ist – aber alles, was mit ihrem Leben zu tun hat, ist komplett aus ihrer Erinnerung gelöscht.

Die Panik, die mich wohl in so einer Situation überkommen würde, kommt im Comic sehr gut rüber. Die Dunkelheit, in der Eloїse sitzt, unterstreicht dabei ihre Ungewissheit und Unsicherheit. Auch ansonsten begeistert mich die Art der Zeichnungen: Die Einfachheit der Bilder machen aus Eloїse eine Person, wie jede*r sie sein könnte. Auch der Ansatz, dass Eloїse in ihrem Leben, das sie nun vergessen hat, sehr angepasst und dadurch unscheinbar war, passt zu den Zeichnungen. Als Figur fällt sie, obwohl sie in praktisch jedem Bild vorkommt, erst dann besonders auf, wenn sie ihren Gedankenspielen nachhängt.

(Foto: S. Schückel)

Die Gedankenspiele sind es auch, die den Humor – bei aller Ernsthaftigkeit des Erinnerungsverlusts – nicht zu kurz kommen lassen. Ob Eloїse darüber nachdenkt, welche Situationen ihr in ihrer Wohnung begegnen könnten (von auf sie wartenden Ehemännern oder Tatorten bis hin zu einer Überraschungsparty) oder woher die plötzliche Amnesie kommt (Geheimagenten spielen hierbei eine große Rolle): Die Gedankenwelt von Eloїse ist herrlich amüsant!

Nicht nur in diesen – häufig sehr absurden – Gedankenspielereien konnte ich mich übrigens wiederfinden. Auch Eloїses sehr analytisches Vorgehen, mehr über ihre Vergangenheit herauszufinden, käme meinem Ansatz sehr nahe (vorausgesetzt, eine Amnesie würde mein analytisches Denken nicht gleich mit auslöschen).

Wie viel Eloїse steckt in uns?

Ich habe mich dann beim Lesen ertappt, wie ich mich in meiner Wohnung umsah und überlegte: Was kann man aus meiner Wohnung an Aussagen über mein Leben ableiten? Mag Pflanzen, mag Bücher, mag das Meer… Aber was sagen die Gegenstände in unserem Leben schon über unsere Persönlichkeit aus? Denn mal ehrlich: Würdet Ihr das Chaos sehen, das aktuell mein Bücherregal sein soll, würdet Ihr mit Sicherheit nicht denken, dass es zu jemandem gehört, der sich gerne für alles Pläne macht und hunderttausendfach analysiert.

Ob Eloїses Geschichte eine gute oder schlechte Wendung nimmt, möchte ich hier nicht verraten. Nur so viel: Immer wieder blickt man beim Lesen auf und überlegt sich, wie das wohl im eigenen Leben ist. Und genau das ist es, was gute Bücher für mich ausmacht – und diese Geschichte zu einem absoluten Highlight in meinem – dringend aufzuräumenden – Bücherregal macht.

Mehr zum Buch:*

Weitere Rezensionen findet Ihr unter anderem auch bei: Buchperlenblog und Papiergeflüster.

 

  • Preis: 17,90€
  • Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
  • Verlag: Carlsen Verlag
  • Sprache:Deutsch
  • Übersetzer: Ulrich Pröfrock

 

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5 Gedanken zu “Rezension: „Wie ein leeres Blatt“ (Boulet / Pénélope Bagieu)

  1. Och Sarah, was tust du? Bin ja null Comic-Leserin, aber du hast mich gerad echt angefixt *-* Thematisch immer wieder interessant – obwohl, in Thrillern hab ich`s echt über! Doch hier machst du mich wirklich neugierig und gerade deine Überlegungen zum Buch finde ich wundervoll – was sagt die (eigene) Wohnung über einen aus?!
    Ich merke mir den Titel auf jeden Fall mal!

    Mukkelige Grüße :-*

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