Rezension „Alles nur aus Zuckersand“ (Dirk Kummer)

Ich bin ein Kind der Wende. Geboren zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung, kenne ich nur ein geeintes Deutschland. Als Kind westdeutscher Eltern bin ich in der Nähe von Dresden aufgewachsen – und habe dabei zwar viel über die DDR gelernt, mir jedoch nie wirklich vorstellen können, wie das Leben dort (hier) so gewesen ist. Ich bin weder „Ossi“ noch „Wessi“ – egal wie gerne mich manche Mitmenschen in die eine oder andere Schublade stecken möchten.

Es wird immer mehr Kinder wie mich geben, für die die Mauer zunächst ein Kapitel im Geschichtsunterricht ist und deren Leben dann zwar indirekt – durch die Erlebnisse ihrer Vorfahren ebenso wie durch die (gesellschafts-)politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte – durch die Teilung beeinflusst wird, deren Biografie aber nicht mehr nur dadurch bestimmt wird.

Umso wichtiger ist es natürlich, dass sich auch die Generationen des geeinten Deutschlands in die Situation der Menschen während der Teilung hineinversetzen können. Der Carlsen Verlag war so freundlich, mir ein Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung zu stellen, das genau diese Möglichkeit bietet: „Alles nur aus Zuckersand“

Foto vom Buch auf Fußboden

(Foto: S. Schückel)

Fred und Jonas – keine Freunde wie Sand am Meer

Dirk Kummer schafft es, in klaren und einfach gehaltenen Sätzen die Intensität der Freundschaft zweier Kinder festzuhalten. Fred und Jonas, die beide in Ost-Berlin leben, sind so unzertrennlich und die Freundschaft ist so bedingungslos offen, wie es häufig nur unter Kindern der Fall ist – bevor Enttäuschungen uns vielleicht zu vorsichtigeren Erwachsenen machen.

Die Bedrohung dieser besonderen Freundschaft kommt nicht von innen, sondern von außen. Es ist das System der DDR selbst, denn Jonas‘ Mutter hat einen Ausreiseantrag gestellt, nach dem nichts mehr so ist wie vorher. Jonas wird in der Klasse gemieden, Freds Vater – Grenzbeamter der DDR – verlangt sogar, dass sein Sohn den Kontakt komplett einstellt. Der jedoch sieht überhaupt keinen Grund dafür und versteht die Welt nicht mehr. Es ist doch „nur“ ein Ausreiseantrag.

Stück für Stück enthüllt der Autor die Ausschließlichkeit des Systems der DDR, die Härte, mit der Menschen als Freunde oder Feinde deklariert wurden. Aber auch die Kindern ureigene Fantasie und Neugier auf die Welt fängt Dirk Kummer auf bezaubernde Art und Weise ein. Auf diese Art und Weise halten sich Unerbittlichkeit und Hoffnung stets die Waage, was Dirk Kummer auch sprachlich wunderbar einfängt.

Ein mahnender Blick zurück

Wenn ich an meine Kindheit denke, dann bin ich froh über all die Möglichkeiten, die ich hatte und habe. Es war egal, mit wem ich befreundet war – ein Glück, das Fred und Jonas nicht vergönnt ist. Während ich mit meinen Freunden telefonieren oder später chatten konnte, bleibt den beiden noch nicht einmal das – auch wenn sie sich einreden, per Telepathie kommunizieren zu können. Und dann ist Jonas weg und die vermeintlich heile Welt von Fred bricht zusammen.

Die ganze Dramatik dieser Freundschaft hätte Dirk Kummer auch auf 200 weiteren Seiten darstellen können – aber dann wäre diese Geschichte wohl nicht so intensiv gewesen. Hierbei ist gerade die Einfachheit der Sprache brilliant! Für Kinder und Jugendliche ist sie vielleicht ein erster Schritt heran an die ganz persönlichen Konflikte, welche die Teilung Deutschlands verursacht hat. Für Erwachsene ist das Buch ein mahnender Blick, der durchaus wehtut aber gleichzeitig auch zeigt, wie gut wir es jetzt haben.

„Alles nur aus Zuckersand“ ist jedoch mehr als nur eine Geschichte zur Zeit der Teilung – es ist vor allem eine zeitlose Liebeserklärung an wahre Freundschaft und an die Grenzenlosigkeit derartiger Verbindungen.

Mehr zum Buch:*

  • Preis: 12 Euro
  • Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
  • Verlag: Carlsen
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3551553904
  • ISBN-13: 978-3551553904
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