Urlaub in Zerredistan – Podcast und Bücher von André Herrmann und Julius Fischer

Wie so vielen von Euch kommt mir die Zeit, in der wir leben, wie ein böser Traum vor – und in meinem Fall zum Teil auch wie ein Déjà-vu. Ab Ende Oktober saß ich mit einem gebrochenen Bein drei Wochen nahezu ununterbrochen nur in meiner Wohnung – Ihr erinnert Euch – und bis Mitte Januar fand ein Großteil meines Lebens daheim statt. Keine Arbeit, kein Training, nur ganz wenige Menschen um mich herum, da die meisten ja arbeiten mussten.

Mein Leben fand folglich oft online statt. So ähnlich wie die kommenden Wochen und Monate für sehr viele von uns viel Zeit im Internet bereithalten werden. Aktuell überwiegt bei mir die Dankbarkeit, dass mein Bein rechtzeitig geheilt ist und ich mich nur noch selten humpelnd fortbewege. Die Bitterkeit, die Normalität nach nur wenigen Wochen schon wieder aufgeben zu müssen, verdränge ich so gut es geht. Stattdessen möchte ich Euch hier weiter (und jetzt vermutlich öfters) an meinen Leseabenteuern teilhaben lassen. Als Einstieg in die Zeit der Selbstisolation habe ich Euch etwas herausgesucht, was mir die Monate mit dem Bruchbein erleichtert hat.

Das Team Totale Zerredung

Im vergangenen Sommer veranstaltete einer meiner Lieblingsverlage Voland & Quist eine Benefizlesung, um die Finanzeinbußen aus der KNV-Insolvenz von Anfang 2019 irgendwie wieder wettzumachen. Neben Marc-Uwe Kling (Ihr wisst schon, der mit dem Känguru) traten dort auch André Herrmann und Julius Fischer auf. Während ich von Julius bereits „Ich hasse Menschen“ (dazu später mehr) kannte, hatte ich von André Herrmann noch nichts gelesen (sorry).

Während ich der Benefizlesung lauschte (Ihr erinnert Euch, ich war die merkwürdige Frau in Reihe 1, während alle anderen sitzen blieben) machten André und Julius zum Glück auch Werbung für ihren Podcast, der zu dem Zeitpunkt etwa 36 Folgen umfasste. Team Totale Zerredung – hm, dachte ich, kann man ja mal reinhören.

Screenshot der Apple Podcasts App, zu sehen ist eine Folge TTZ
(Screenshot: S. Schückel)

Unbewusst befolgte ich die 1. Regel der Zerredis: Der Podcast sollte in der korrekten Reihenfolge angehört werden!

Nun war ich bis zu diesem Zeitpunkt niemand mit großer Vorliebe für Hörbücher (meist schlafe ich ein) oder Podcasts (dito), aber ich irgendetwas machte Folge 1,5 sehr sympathisch (Spoiler: vermutlich die Tatsache, dass die zwei die eigentlich erste Folge nicht korrekt aufgenommen hatten) und ich hörte in meinem Urlaub jeden Tag ein Stückchen weiter. Meist keine ganzen Folgen, aber Stück für Stück arbeitete ich mich vor. Mitte September schätzte ich, dass ich etwa zu Weihnachten „in der Gegenwart“ ankommen würde.

Grundregel Nummer 2: Aktuelle Folgen sind „die Gegenwart“, man selbst hört „in der Vergangenheit“. Julius und André nehmen aber auch irgendwie in der Vergangenheit auf. Zeit ist relativ.

Nun ja, dann kam der 29. Oktober 2019 und ich lag am Ende des Tages mit einem gebrochenen Bein daheim. Ich kam mir vor wie in einem bösen Traum, wollte nicht wahrhaben, dass mir das echt passiert ist, lag stundenlang wach und grübelte vor mich hin (das kommt Euch aktuell vermutlich bekannt vor) und warf dann mein Handy an, in der Hoffnung, dieser verrückte Podcast könne ein wenig ablenken.

Und das tat er. Ich entwickelte eine neue Routine. Ich hörte tagsüber bei Langeweile (viel! Langeweile!) die ein oder andere „neue“ (d.h. noch nicht gehörte) Folge und in Grübelmomenten stellte ich mir eine Playlist mit meinen Lieblingsfolgen (Stichwort: Scheißespieße. Ja, ernsthaft!) zusammen, um über meinen Lieblingswitzen einzuschlafen.*

Grundregel Nummer 3: Beim Anhören der Folgen mutiert man zum Vollblut-Zerredi.

Innerhalb viel zu kurzer Zeit gelangte ich mit diesen Hörmethoden in der Gegenwart von André und Julius an. Aber kein Problem, ich hatte mir ja zum Glück bei der Benefizlesung die Bücher von André gekauft. Die sind leider aktuell nur schwer zu ergattern, da Neuauflagen geplant sind, aber vermutlich sind sie noch leichter zu finden als Klopapierpackungen in freier Wildbahn (ein Toilettenpapier-Scherz pro Quarantäne-Blogbeitrag muss vermutlich sein).

Aber keine Panik, für solche Fälle hat der liebe Gott ja Spotify erfunden. Dort kann man (mit einem Bezahlaccount) „Klassenkampf“ bzw. „Platzwechsel“ von André und auch „Ich hasse Menschen“ von Julius anhören.

Wenn es Euch nur ein klein wenig so wie mir geht, werdet Ihr innerhalb von kürzester Zeit beim Cola-Ranking mitreden können (auch wenn Ihr keine Cola trinkt), Elefanten nur noch Mirko nennen, wissen, was es mit herabstürzenden Puzzles auf sich hat und das vierte Sofakissen suchen. Und all diese Insider-Zerredi-Gags verstehen.

Foto der Bücher auf dem Fußboden
(Foto: S. Schückel)

Zu den Büchern – Kurzrezensionen

(„Platzwechsel“ habe ich noch nicht beendet, deshalb kommt es hier nicht als Kurzrezension vor.)

„Ich hasse Menschen“ ist, wie der Untertitel es verspricht, eine Abschweifung. Während einer Pandemie und dem neuen Gesellschaftsspiel des „social distancing“ (das eher ein physical distancing sein sollte) wirkt der Titel vielleicht etwas unpassend. Schließlich vermissen wir wohl alle liebe Menschen. Aber um die geht es in diesem Buch gar nicht, sondern um jene Exemplare unserer Spezies, die wir gerne mal eben auf den Mond – oder besser noch weiter weg – katapultieren möchten. Beispielsweise, weil sie im Zug laut schnurpsend eine Möhre verzehren. Oder Fußgängerinnen. Oder Fahrradfahrerinnen. Oder Autofahrer*innen. Und es geht natürlich um Julius – sich selbst oder vergangene Formen seines Ichs hasst er nämlich durchaus auch.

Das ganze Buch lebt davon, dass es ein Blick in Julius‘ Kopf zu sein scheint. Er schrieb es nämlich als „stream of consciousness“, also als „Bewusstseinsstrom“. Das liest sich ein wenig so, als würde man ihm beim Denken zuhören können. Ja, zugegebenermaßen könnte das verstörend wirken, zum Glück ist Julius aber recht witzig, von daher macht das Lesen sehr viel Spaß. Und übrigens merkt man durchaus, dass Julius Menschen doch eher nur nervig findet.

„Klassenkampf“ beschreibt den – Spoiler: scheiternden – Versuch von André (ja, der Protagonist heißt wie der Autor), nicht zu Klassentreffen zu gehen. Was mir seit mittlerweile 12 Jahren problemlos gelingt, macht Buch-André (ja, es scheint autobiografische Momente zu geben) allerhand Probleme. Vielleicht, weil es in Sachsen-Anhalt schwieriger ist, derartigen Events zu entkommen, vielleicht aber auch, weil ich zwar mit einem Maik befreundet bin, dieser aber nicht im geringsten dem Buch-Maik ähnelt. Besagtem Buch-Maik gelingt es nämlich immer wieder, Buch-André auf die Klassentreffen zu schleppen. Jahr um Jahr begleitet man als Leser*in Buch-André durch die Etappen seines Lebens, die von einem abgebrochenem Studium zu miesen Aushilfsjobs, Familienwahnsinn und eben besagten Klassentreffen handeln. Außerdem erfährt man am Beispiel von Buch-Andrés Eltern, wie wunderlich man wird, wenn man wohl zu lange in Sachsen-Anhalt lebt.

Der trockene Humor und die beinahe stoische Ruhe die Buch-André dabei merkwürdigen Typen mit noch abgefahreneren Ideen entgegen bringt, haben mich beim Lesen immer wieder zum Lachen gebracht.

Beide Bücher gewinnen übrigens eine Menge an Witz, wenn Ihr sie mit Julius‘ bzw. Andrés Stimme lest. Womit wir wieder beim Hörbuch wären.

Also, liebe Quarantäne-Freunde: Bleibt daheim, hört mittlerweile 80 Folgen Podcast, lest oder hört die Bücher (kauft sie bei lokalen Buchhändler*innen) und gönnt Euch eine Dosis Lachen!

Edit: Autocorrect-Fehler entdeckt man immer erst nach dem Upload. Als Entschädigung hier der Hinweis auf Andrés YouTube-Kanal. Dort hat er auch die Quarantäne-Lesung von „Klassenkampf“ online gestellt. Falls Ihr also keinen Spotify-Zugang habt…

*Lieber André, lieber Julius, solltet Ihr das zufällig lesen, das ist ein Kompliment, auch wenn es anders klingt.

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