Rezension „Zugvögel“ von Charlotte McConaghy (übersetzt von Tanja Handels)

Bei diesem Bucheindruck (vielen Dank an S. Fischer für das Rezensionsexemplar) muss ich zunächst ein wenig ausholen:

Wenn ich Bücher lese, die am Meer spielen, ist das in gewisser Weise riskant. Das Meer bedeutet mir sehr viel und nur wenige Bücher schaffen es, diese Mischung aus Sehnsucht, Ehrfurcht und ja, in gewisser Weise auch Liebe zum Meer auszudrücken. In António Skármetas Buch „Mit brennender Geduld“ heißt es: „Die ganze Beredsamkeit des Meeres machte ihn stumm.“** Das ist noch immer der Satz, der meine Gefühlswelt beim Anblick des Meeres am besten beschreibt.

Bislang ist mir kein zweiter Satz dieser Art begegnet. Beschreibungen des Meeres sind immer schön, manchmal kitschig, aber abgesehen von Skármeta konnte bislang niemand so treffende Worte finden. Bis jetzt.

„Ich habe einen Kompass im Herzen, der nicht auf den wirklichen Nordpol, sondern aufs Meer ausgerichtet ist.“

(S. 81)

Als Alex von ReadPackBlog mir ein Foto von „Zugvögel“ in der Verlagsvorschau schickte, ahnte ich nicht, dass dieses Buch mich mitten ins Herz treffen würde. Und das tat es mehrfach, denn es verbindet zwei Dinge, die in meinem Leben eine große Rolle spielen: Das Meer und Vögel. Wo auch immer ich bin, die gefiederte Tierwelt hat auf jeden Fall meine Aufmerksamkeit und ich liebe ganz besonders die Vogelfotografie. Und ja, mein innerer Kompass zeigt stets gen Meer. Das Meerweh ist mein ständiger Begleiter – ganz besonders jetzt, da ich nicht weiß, wann ich es wieder besuchen kann.

Zu sehen ist das Buch auf weißem Hintergrund, das Buchcover ist hellblau gehalten, zudem ist eine gemalte Seeschwalbe zu sehen.
(Foto: S. Schückel)

Die Liebe zur Natur

Die Welt, die Charlotte McConaghy in ihrem Buch zeichnet, ist jedoch eine, in der ich selbst nicht leben möchte. Sie beschreibt eine nahe Zukunft, in der die Vögel vor dem unmittelbaren Aussterben stehen. Es gibt noch Schutzreservate, aber diese nützen nur einem Bruchteil der Arten – und den Zugvögeln, die auf ihren weiten Reisen kaum noch Nahrung zu finden vermögen, helfen diese Schutzmaßnahmen überhaupt nicht.

Beim Lesen begleitet man Franny, eine Frau, die ihr Leben den Küstenseeschwalben verschrieben hat, auf zwei Zeitschienen. Sie legt einzelnen Tieren Peilsender an und möchte den Zug der Vögel mit einem Schiff begleiten. Die Schiffsreise, die sie mit einem Fischerboot – das zudem mit einer Crew aufwartet, die wie eine merkwürdig dysfunktionale aber liebenswerte Familie wirkt – unternimmt, bildet die eine Zeitschiene.

Die andere liegt in Frannys Vergangenheit, die sich den Lesenden nur nach und nach erschließt. Derartige Geheimnisse in der Vergangenheit von Protagonist:innen können durchaus anstrengend sein. Charlotte McConaghy gelingt es jedoch, die Anspielungen auf Frannys Vergangenheit und das Aufdecken ihrer Geheimnisse gut auszubalancieren. Dadurch war ich beim Lesen nicht von den Anspielungen genervt, sondern vielmehr immer stärker an Frannys Vergangenheit interessiert. Ab der Hälfte des Buches etwa, habe ich zwar geahnt, worum es gehen könnte (und letztlich richtig gelegen), aber das hat dem Leseerlebnis nicht geschadet. (An dieser Stelle keine Sorge, Spoiler werdet Ihr hier nicht finden.)

Besagte Vergangenheit, so viel sei verraten, ist geprägt von Verlusten, teilweise übereilt getroffenen Entscheidungen (so wirkt es jedenfalls) und dem unbändigen Drang nach absoluter Freiheit. Freiheit und Geborgenheit müssen sich jedoch nicht ausschließen.

Traurig schön

Die gesamte Geschichte ist von einer Art sanften Melancholie geprägt und von wunderschönen Sätzen durchzogen, die eigentlich fast schon kitschig wirken könnten und es doch nicht tun. Vielmehr fühlte ich mich vom Buch geborgen – was mich beeindruckt hat, denn manche Formulierungen sind schonungslos und tun beim Lesen regelrecht weh:

„Aber der Rhythmus der Gezeiten ist nun mal das Einzige, was wir Menschen noch nicht zerstört haben.“

(S. 29)

Tröstlich ist vielleicht eines: Noch haben wir Menschen es in der Hand, wie unsere Zukunft aussehen wird. Dieser Appell ist im Buch nicht direkt zu finden, aber schimmert auf jeder Seite – vor allem durch Frannys Hartnäckigkeit – durch. Diesen Effekt erzählt McConaghy aber auch durch die Auswahl der Vogelart, die Franny begleiten möchte:

Die erstaunlich zähe Küstenseeschwalbe legt die längsten Strecken zurück, denn sie brütet in den Nordpolarregionen und überwintert in den Südpolargebieten. Im Buch leben lediglich eine Handvoll von ihnen. Die Realität sieht noch(!) anders aus: In Deutschland gilt sie als vom Aussterben bedroht (Stand 2015), weltweit ist sie jedoch nicht gefährdet, der Bestand nimmt allerdings ab (Quelle).

Letztlich ist das Buch, das Tanja Handels aus dem Englischen übertragen hat, eine Hommage an die Natur, vor allem an die raue Welt der Küsten, des Meeres und der dort lebenden Vögel. Es ist auch eine Abmahnung an alle Lesenden, die Natur, wo wir es nur können, zu schützen. Und das Buch hat eine mutmachende Moral:

Mehr zum Buch:*

Preis: 22 Euro
Originaltitel : Migrations
Übersetzerin: Tanja Handels
Gebundene Ausgabe : 400 Seiten
Herausgeber : S. FISCHER

Eine weitere Rezension findet Ihr im Blog von Fräulein Julia.

Und ein großes Danke auch an Elias, meinen Dresdner Buchhändler des Vertrauens, der mir einen Ausschnitt mit dem ersten Zitat (s.o.) schickte und meinte, das Buch würde nach mir klingen. Da war ich zwar schon durch, aber mal ehrlich? Was für einen tollen Buchhändler habe ich hier bitte? Ihr findet ihn auf Instagram.

** Übersetzt wurde das Buch von Willi Zurbrüggen

Ein Gedanke zu “Rezension „Zugvögel“ von Charlotte McConaghy (übersetzt von Tanja Handels)

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