Vom Erwachsenwerden – Rezension „Hard Land“ (Benedict Wells)

(Rezensionsexemplar)
TW: Krankheit, Tod

In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.

S. 11

Ich weiß, dass man Bücher nicht am ersten Satz messen sollte. Oder am – gefühlsmäßig unerreichbaren – Lieblingsbuch. Was aber, wenn die aktuelle Lektüre eben vom Autor des Lieblingsbuches stammt? Und was, wenn dessen erste Sätze stets die Sogwirkung aller weiteren Worte erahnen lassen?

In meinem Fall ist es dann so, dass die Nervosität, die ich seit der Ankündigung dieses Buches verspürt hatte, beim Lesen des ersten Satzes schlagartig nachließ. Mit diesem ersten Satz wurde mir wieder klar, wieso Benedict Wells mein Lieblingsautor ist und weshalb sein „Vom Ende der Einsamkeit“ in (aktuell) vier verschiedenen Ausgaben in meinem Regal steht.

Aber von Vorne:

Missouri, 1985

Mit fünfzehn gibt es wohl schönere Orte zum Leben als Grady, eine kleine Stadt in Missouri, mit der es, seit die Textilfabrik geschlossen wurde, nur noch bergab zu gehen scheint. Es gibt zwar die Aufforderung auf einem Schild, man solle die 49 Geheimnisse der Stadt erkunden, aber so wirklich macht das niemand. Nicht einmal die Einwohner selbst. Sam lebt dort mit seiner Familie und so, wie das Haus, in dem sie wohnen etwas außerhalb liegt, bewegt sich auch Sam außerhalb der typischen Cliquen.

Auch sonst ist das Leben für Sam eher trüb: Er hat noch immer mit seiner Angststörung zu kämpfen, die Beziehung zu seinem arbeitslosen Vater ist schwierig, seine Mutter schwer krank und Sam soll, um Kontakt zu Gleichaltrigen zu haben, für die Sommerferien zu seinen Cousins nach Kansas fahren – die ihn jedoch bisher immer nur getriezt haben.

Der Job als Aushilfe im lokalen Kino, das zum Jahresende schließen wird, kommt für Sam also gerade recht, denn so entgeht er nicht nur der Reise zu seinen Cousins, er hat auch einen Grund, sich nicht in seinem Elternhaus aufzuhalten und mit der Krankheit seiner Mutter auseinanderzusetzen. Und er ist nicht die einzige Aushilfe im Kino: die Freunde Hightower, Cameron und Kirstie haben gerade den Highschool-Abschluss gemacht und verleben ihre letzten Wochen in Grady, bevor sie auf verschiedene Colleges gehen.

Zu sehen ist links das Buch, „Hard Land“, rechts stehen die vorherigen Bücher von Benedict Wells aufgereiht.
(Foto: S. Schückel)

Coming of Age

Im Englischen gibt es den Begriff des „coming of age“, was einerseits so viel wie „volljährig sein“ bedeutet, andererseits aber auch den Prozess bezeichnet: Volljährig werden. Man könnte es auch als Erwachsenwerden bezeichnen, aber ich finde „volljährig werden“ trifft die Sache besser. Denn da steckt die – für mich – wichtigste Erkenntnis des Erwachsenseins drin: Wir haben alle keine Ahnung vom Leben und diese Tatsache ändert sich nicht an dem Tag, an dem wir mündig werden. Das Leben interessiert sich nicht für eine Zahl, das Leben kommt so oder so auf uns zu.

Diese Erkenntnis verwebt Benedict Wells in einer Geschichte, in der es um alles zu gehen scheint. Um Liebe und um Tod – wie im ersten Satz des Buches versprochen. Klingt das pathethisch? Ja. Ist das Buch voller Pathos? Nur an den richtigen Stellen. Denn das Leben als Teenager ist voller Pathos, alle Ereignisse sind überlebensgroß und jede Emotion flackert in einem Gewitter aus Neonfarben durch eine*n hindurch. Mutproben und Partys und die erste Verliebtheit inklusive selbstgeschriebener Songs gehören hier einfach dazu.

Na schön, es war also an der Zeit, meinen Eltern auf sachliche Weise klarzumachen, wieso ich dafür nicht in Frage kam. […]

„Ihr könnt mich mal!“, rief ich und stapfte nach oben.

S.13

Doch Benedict Wells weiß auch ganz genau, wann er die leisen Töne der literarischen Klaviatur bedienen muss. Er kann in Worte fassen, was Verlust bedeutet. Und vor allem kann er in Worte fassen, was es bedeutet, zu wissen, dass man jemanden verlieren wird. Er beschreibt die lauernden Arme der Trauer, die sich schon weit vor dem eigentlichen Abschied ausstrecken. Er beschreibt die bittersüße Melancholie – im Buch Euchancholie genannt, eine Mischung aus Euphorie und Melancholie – die man bei schönen Momenten empfindet, und von denen man doch weiß, dass sie vergänglich sind. Er beschreibt, wie fest sich die Umklammerung der Endgültigkeit im Herzen anfühlt.

Er beschreibt im Buch das, was ich aus der Realität kenne. Er findet Worte für die Momente, die unaussprechlich scheinen. Und seine Zeilen spenden Trost, selbst wenn man sich untröstlich fühlt.

Allerdings ist das eigentlich Bemerkenswerte am Buch, dass Benedict Wells aus den grellen Neonfarben des Teenagerdaseins auf der einen und dem allumfassenden Schwarz der Trauer auf der anderen Seite einen Roman geformt hat, der in warmen und beinahe leichten Sommerfarben daher kommt. Dieses Buch ist manchmal absurd, weil uns der Autor die eigene Peinlichkeit aus Teenagerzeiten vor Augen führt. Dann ist es unendlich traurig, denn der Tod bringt uns immer an unsere Grenzen. Und doch ist es vor allem schön, denn es zeigt, dass es okay ist, wenn wir weder mit dem einen noch dem anderen richtig umzugehen wissen. Das ist nunmal das Leben.

Eines der 49 Geheimnisse?

Mitunter habe ich – wenn ich mir all die schönen Geschichten von ihm so ansehe – das Gefühl, dass Benedict Wells etwas besonderes gelungen ist: Er hat das Leben verstanden. Zumindest einen Teil davon – einen von 49? – und zumindest in seinen Büchern.

Das wird schon beim ersten Satz klar, denn selbst in unseren traurigsten Momenten findet sich immer irgendwie ein Funke Leben, der die Welt aufhellt. So ist Sam verliebt, als seine Mutter stirbt. Das negiert nicht die Macht, die Trauer über uns hat. Im Gegenteil, es hilft, mit dem Unfassbaren umzugehen und Halt zu finden.

„Hard Land“ ist ein Coming-of-Age-Roman, man könnte fast sagen, es sei ein Jugendbuch. Und sicher, Jugendliche wie Erwachsene wird es berühren und begeistern. Aber es ist vor allem ein weises Buch. Benedict Wells hat zwar „nur“ etwas mehr als 330 Seiten mit seiner Geschichte gefüllt, seine Worte nehmen jedoch viel mehr Raum ein. Ich könnte noch viel mehr zu seinem Buch und dessen unterschiedlichen Facetten schreiben, aber ich glaube es findet seine Leser:innen auch ohne viele Worte. Und mich ganz persönlich hat es zum genau richtigen Zeitpunkt gefunden.

Lieber Benedict, falls Du das lesen solltest: Danke.

Ein Gedanke zu “Vom Erwachsenwerden – Rezension „Hard Land“ (Benedict Wells)

  1. Immer noch nicht gelesen :/. Es kommt immer ein anderes Buch dazwischen.
    Deshalb lese ich jetzt mal nicht die Rezi im Vorfeld, Sarah.

    Liebe Grüße,
    Simone.

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