Rezension „Die Beichte einer Nacht“ (Marianne Philips, Übersetzung Eva Schweikart)

Rezensionsexemplar

Im vergangenen Jahr hatte ich das große Glück, Werke von Autor*innen zu lesen, die „wiederentdeckt“, d. h. neu übersetzt bzw. neu herausgegeben wurden. Dazu soll irgendwann auch endlich noch der ein oder andere Blogpost folgen. Und da ich irgendwo mal anfangen muss, beginne ich bei dem Titel, den ich zuletzt gelesen habe: „Die Beichte einer Nacht“ von Marianne Philips, aus dem Niederländischen von Eva Schweikart.

An dieser Stelle auch gleich einen herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar und eine Bitte an alle Leser*innen dieses Beitrags: Beachtet bitte die Triggerwarnung (TW).

TW: Tod, mentale Erkrankung, psychische Probleme

Zu sehen ist das weiße Buch mit einer sich schminkenden Frau auf dem Cover. Das Buch liegt auf einem weißen Untergrund und links neben dem Buch stehen drei aufgestellte Lippenstifte ohne Kappe, so dass man die Farben (Rottöne) erahnen kann.
(Foto: S. Schückel)

Die Beichte einer Nacht

Beim Lesen habe ich mir immer wieder diese Frage gestellt: Könnte ich in nur einer einzigen Nacht mein bisheriges Leben rekapitulieren? Und würde ich es dann Beichte nennen? Wohl kaum. Und so stimmt schon der Titel auf die Lektüre ein, denn es geht hier keineswegs um eine mehr oder minder heitere Lebensgeschichte mit den dazugehörigen Höhen und Tiefen. Vielmehr spricht Heleen über das, was sie getan hat – und um das zu erklären, muss sie auch vom Rest ihres Lebens berichten.

Heleen liegt als Patientin in einer Nervenklinik und eigentlich schweigt sie nur. Bis sie eines Abends einer Nachtschwester ihre Lebensgeschichte anvertraut. „Stream of Consciousness“ nennt man die Erzählform dieses Buches, was am besten als „Bewusstseinsstrom“ ins Deutsche zu übertragen ist. Heleens Stimme ist nämlich die einzige in diesem Buch. Von den Reaktionen der Nachtschwester erfährt man beim Lesen nur dadurch, wenn Heleen in ihre Worte einfließen lässt, dass die Nachtschwester zum Beispiel eine Handarbeit als Zeitvertreib vor sich hat. Und auch das Umfeld in der Nervenklinik betrachtet man beim Lesen sozusagen durch Heleens Augen.

Das schafft beim Lesen sehr viel Nähe, die mich einerseits sehr schnell sehr tief in die Geschichte hineingezogen hat, mich andererseits aber auch umso betroffener machte, je weiter Heleens Erzählung fortschritt. Im Verlauf von Geschichten denke ich in Bezug auf manche Charaktere öfters „oh bitte tu das nicht“. Hier war dieser Wunsch besonders stark.

Zeilen von 1930 – moderner Roman

Marianne Philips schrieb diesen Roman 1930 und doch ist er hochaktuell. Heleen – die autobiografisch auf Marianne Philips beruht – findet sich in Zerreißproben des Lebens wieder, die viele Menschen, insbesondere viele Frauen, kennen: Sie ist zuerst die Tochter, die sich um die kleineren Geschwister und vor allem die jüngste Schwester zu kümmern hat. Sie zieht von zu Hause aus, um sich ein eigenes Leben aufzubauen. Sie wird Ehefrau und doch passt die Ehe – bzw. ihr Partner – nicht zu ihr. Sie lässt sich scheiden und steht wieder an einem ganz anderen Punkt in ihrem Leben. Schließlich holt die Vergangenheit sie ein und sie muss sich um Lentje, die jüngste Schwester kümmern. Und dann trifft sie auf Hannes.

Was das Buch aus meiner Sicht so zeitlos macht, sind die Konzepte von Alter und Schönheit, mit denen Heleen hadert und deren Auswirkung auf das Leben und auch die Liebe wir wohl alle kennen. Bin ich schön genug? Bin ich jung genug? Bin ich begehrenswert? All diese Fragen stellt sich wohl jede Generation – ob nun damals beispielsweise im Kaufhaus oder heute auf Instagram. Mehrfach wollte ich Heleen sagen, dass Alter und Schönheit nichts über den Charakter einer Person aussagen – sondern vielmehr über die Gesellschaft, in der diese Konzepte mit den jeweilig aktuellen „Wunschvorstellungen“ bestehen. Wie gerne hätte ich ihr gesagt, dass der Altersunterschied zwischen Hannes und ihr nichts zu bedeuten hat. Wie gerne hätte ich ihr verraten, dass ihr eigenes Hadern mit vermeintlichen Makeln ihre Aufmerksamkeit zu sehr bindet und sie viel wichtigeres aus den Augen verlieren lässt.

Genau das macht wohl den Reiz dieses Buches aus: Ich wollte die Rolle der Nachtschwester einnehmen und Heleen sagen, wo sie falsch abgebogen ist. Immer wieder ertappte ich mich dabei, Gedanken Heleens zu lesen und ihr widerwillig zustimmen zu müssen, weil ich die gleichen Gedanken hatte – aber von außen nun sehen kann, wie widersinnig oder bedeutungslos sie doch sind.

Marianne Philips ließ mich über diese besondere Erzählweise unfassbar nah an Heleen herantreten und gleichzeitig hat sie damit erreicht, dass ich mich selbst ein Stück weit von außen betrachten konnte. Das macht ändert an meiner eigenen Situation nichts und doch hat mir dieser Perspektivwechsel unheimlich viel gegeben.

Tochter, Schwester, Berufstätige, Ehefrau, Mutter, Partnerin – Frau

Die Rollen, die mir als Frau zugeschrieben werden (können) sind vielfältig und oft in sich schon so komplex, dass mehrere Rollen auf einmal eine schier unmögliche Kombination zu ergeben scheinen. Und manchmal, wenn man an all diesen – potentiellen – Rollen verzweifelt, tut es gut, über Frauen zu lesen, denen es nicht anders ging.

„Die Beichte einer Nacht“ stellt insgesamt die Frage, ob es uns zusteht, über das Leben einer Frau zu urteilen, würde sie uns ihr Leben beichten. Die Antwort ist eindeutig: Nein. Und doch ist es wichtig, sich diese Frage stellen zu lassen – gerade in einem Zeitalter, in dem wir via Instagram-Eindruck so schnell angehalten sind, über die Leben anderer Menschen zu urteilen.

Ich kann dieses Buch nur allen empfehlen.

Ein Gedanke zu “Rezension „Die Beichte einer Nacht“ (Marianne Philips, Übersetzung Eva Schweikart)

  1. Liebe Sarah,

    „Stream of Consciousness“ als Erzählstil klingt interessant, genauso wie die Geschichte von Helen. Werde ich wohl mal auf meine WL setzen. Diogenes ist ja immer ein Lesen wert!

    Liebe Grüße,
    Simone.

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