„Spinner“, Hörbuchlesungen und Geschichten – Interview mit Benedict Wells

Auf dieses Interview habe ich lange gewartet.

Im Oktober 2016 besuchte ich in Dresden eine Lesung von Benedict Wells zu „Vom Ende der Einsamkeit“. Beim Signieren sprach ich mit ihm unter anderem über Blogs und scherzhaft fragte ich, ob er mir beim nächsten Roman ein Interview für meinen Blog geben würde. Ich bekam eine spontane Zusage – muss aber gestehen, dass ich nicht so wirklich dran glaubte.

Fünf Jahre später: In der Zwischenzeit zwar ein Kurzgeschichtenband erschienen, aber „Die Wahrheit über das Lügen“ ist nun mal kein Roman. Also fragte ich erst in diesem Jahr, nach Erscheinen von „Hard Land“, vor allem aber nach Erscheinen des Hörbuchs zu „Spinner“, ob ein Interview möglich sei. Und auch hier bin ich ehrlich: Ich rechnete durchaus mit einer Absage.

Dass Ihr diese Zeilen lest, beweist jedoch, dass ich meinem eigenen gnadenlosen Optimismus aus dem Jahr 2016 besser trauen sollte – und Benedict Wells ein Autor ist, der seine Zusagen sehr ernst nimmt.

Foto des Autors Benedict Wells vor einer Hecke an einer Mauer. Er trägt ein graues Shirt.
Foto: © Roger Eberhard

Im Gespräch mit Benedict Wells

In diesem Jahr ist nicht nur Dein neuester Roman – „Hard Land“ – erschienen, sondern auch das Hörbuch zu einem Deiner ersten Bücher, „Spinner“. Das hast Du sogar selbst eingelesen. Wie war es für Dich, quasi zu den Anfängen zurückzukehren? Die Erzählstimme in „Spinner“ unterscheidet sich ja doch von Deinen späteren Büchern.

Das war tatsächlich zunächst seltsam. Mich wieder in Jesper hineinzuversetzen fühlte sich an, als würde ich in eine uralte, versiffte Jacke schlüpfen, die mir kaum noch passte, mit der aber Tausende Erinnerungen verbunden sind. Ich schrieb die erste Fassung von „Spinner“ 2003, also vor achtzehn Jahren. Damals war die Welt eine andere, ich in vielerlei Hinsicht ebenfalls. Den für damalige Verhältnisse eher braven Ton und Zeitgeist im Buch empfand ich nun als wild und auch erstaunlich rau und edgy. Teilweise war der Ball für mich noch auf die Linie gespielt, über manche Stellen konnte ich aber nur noch den Kopf schütteln: „O Gott, steht das wirklich so da?“ Vieles würde ich also heute anders machen bzw. mache ich anders, siehe „Hard Land“, das ja eine ganz andere Erzählstimme hat und hoffentlich auch eine schriftstellerische Entwicklung zeigt. Gleichzeitig kamen bei „Spinner“ aber auch sehr viele Bilder hoch. An ein Berlin, das es heute nicht mehr gibt, und wie es war, in eine fremde Stadt zu ziehen, in einer Bruchbude zu hausen, tagsüber zu arbeiten und nachts zu schreiben. Dieses Gefühl von Hoffnung, Träumen und Einsamkeit in einer Stadt, die genauso im Werden war wie man selbst. Es war spannend, all das wieder zu besuchen. Aber ich bin auch froh, dass ich diese Zeit inzwischen hinter mir gelassen habe.

In Online-Lesungen ist mir aufgefallen, dass viele aus dem Publikum Deine Vorlese-Stimme genauso zu mögen scheinen wie ich. Nun sind Lesungen das eine, Hörbücher etwas anderes. Gab es für das Einlesen irgendeine besondere Vorbereitung – z. B. eine Art Crashkurs zum Hörbuchsprecher?

Erst mal vielen Dank. Und nein, ich wollte einfach drauflos vorlesen. Komischerweise ist ein Hörbuch aber ganz anders als eine Lesung. Dort gibt es einen Resonanzraum, der einen gefühlt trägt und auch lenkt, im Studio dagegen spricht man ins Leere. Ich habe gerade am Anfang gemerkt, dass ich deshalb irgendwie abgehackter, vorsichtiger las als bei einer Tour. Gott sei Dank hatte ich aber eine tolle Regie, die mir sehr half, und je länger das Einlesen ging, desto sicherer fühlte ich mich. Ich möchte das alles aber auch nicht zu hoch hängen. Das Projekt entstand aus reinem Spaß, weil im Laufe der Jahre immer wieder Menschen bei den Lesungen sagten, sie würden sich ein „Spinner“-Hörbuch von mir wünschen. Und so viele Figuren, die einen leichten bayerischen Akzent haben, habe ich ja auch nicht. Ich dachte also, „Jetzt oder nie“, denn mit vierzig wäre es wohl wirklich zu spät gewesen, Jesper die Stimme zu leihen.

Bei der Lesung von „Vom Ende der Einsamkeit“ gab es eine Stelle, da hast Du gesungen. Bei „Hard Land“ gibt es eine Szene beim Festival, da hast Du bei Online-Lesungen eine Art Zeitlupen-Effekt eingebaut. Als Zuhörerin habe ich dabei Deinen Mut bewundert, vor Publikum so aus Dir herauszugehen. Darf ich Dir unterstellen, dass das nicht ganz einfach ist? Falls ja: Gab es bei „Spinner“ Stellen, die für Dich ähnlich herausfordernd waren? Oder Outtake-Momente, in denen Du die Sätze gerne noch ein weiteres Mal umformuliert hättest, um sie leichter vorlesen zu können?

Lustigerweise auf fast auf jeder Seite. Ich muss zugeben, ich habe immer wieder mit Jesper gehadert. So sehr ich seine Verlorenheit verstand und wiedererkannte; sein Verhalten, manche Sprüche und dieses ewige larmoyante Verurteilen von anderen trieben mich teilweise in den Wahnsinn. Also habe ich versucht, beim Lesen die Flucht nach vorne anzutreten und ihn mit voller Überzeugung zu sprechen. Oft dachte ich: „Das kannst du doch so nicht sagen oder denken“, aber da musste ich beim Einlesen durch. Umso schöner war es, die Stelle einzusprechen, in der Gustav ihm mal in epischer Länge die Meinung sagt. Und immerhin musste ich diesmal nicht singen. Zumindest nicht oft. Der herausforderndste und für mich auch schönste Moment mit Jesper waren dann die emotionalen Szenen am Schluss, als er seinen Freunden die Wahrheit sagt. Da war er mir wieder ganz nah, da war ich versöhnt mit ihm.

Mit „Hard Land“ als Neuerscheinung auf der einen und „Spinner“ als frisch erschienenem Hörbuchtitel auf der anderen Seite: Wie ist es für Dich, den Leser*innen sowohl ein frühes als auch ein ganz neues Werk zu präsentieren?

Spannend, denn es sind tatsächlich zwei verschiedene Welten. Nicht nur von meiner eigenen Entwicklung als Autor her, sondern wie gesagt auch vom jeweiligen Zeitgeist. Und auch der Sprecher unterscheidet sich sehr. Für mich war dieses Hörbuch eine Ausnahme, Robert Stadlober dagegen hat eine echte Zauberzunge. Ich bin sehr dankbar, dass er meine Bücher einliest, denn das ist für mich ein Glücksfall.

Bei „Hard Land“ spielt ein gleichnamiger Gedichtband über Grady eine nicht unwesentliche Rolle. Ich mochte die Ausschnitte daraus sehr und hätte gerne auch den Rest gelesen. Wie leicht oder schwer war es, diese Teile des Buches zu schreiben? Inspiriert Lyrik Dich zum Schreiben? Falls ja, freue ich mich über Lyrikempfehlungen.

Tatsächlich war Lyrik eine Schwachstelle von mir, im Deutsch-Leistungskurs hatte ich bei diesem Thema drei Punkte. Aber durch die Augen von Charakteren fallen mir manche Dinge plötzlich leicht. Etwa das Songschreiben mit Rauli. Oder eben nun der Gedichtband. Sehr prägend war Walt Whitman, dessen hintersinniges, kluges und manchmal auch mal erstaunlich ausgelassenes „Leaves of Grass“ ich mehrmals las.

Benedict Wells sitzt, in schwarzes Sakko, schwarze Hose und schwarzes Shirt gekleidet an einem schwarzen Tisch. Er sitzt auf einem braunen Holzstuhl, hält ein Mikrophon in der Hand und lächelt ins Publikum. Vor ihm steht eine Wasserflasche neben einem Glas. Im Hintergrund sind Aufsteller mit "Thalia, wo Lesen zum Erlebnis wird" zu sehen. Eine Pflanze steht ebenfalls im Hintergrund. Das Fenster, das neben der Pflanze zu sehen ist, ist dunkel, es ist Abend.
Rückblick auf die Lesung 2016 – im Anschluss bat ich auf gut Glück um ein Interview. Die Wartezeit hat sich gelohnt! (Foto: S. Schückel)

In Deinen Büchern finden sich oft angedeutete weitere Geschichten, die sich die Charaktere ausdenken. In „Die Wahrheit über das Lügen“ hast Du geschrieben, dass ein Märchen, dass Jules sich ausgedacht hat, „nur eine Spielerei“ war. Wie wichtig sind solche „Spielereien“ für Dich beim Schreiben und wie detailliert arbeitest Du sie aus? Gibt es vielleicht noch mehr solcher (Kurz-) Geschichten, die vielleicht irgendwann einmal zu früheren Büchern erscheinen könnten – z. B. ein Ausschnitt aus „Der Leidensgenosse“?

Die gibt es tatsächlich. Eventuell stelle ich mal einen auf meine Homepage. Mir macht es Spaß, die Welt der Bücher zu erkunden. Das geht natürlich, in dem man weitere Szenen schreibt, aber auch spielerisch. Tarantino etwa schrieb für sein „Once Upon a Time in Hollywood“ fünf komplette Folgen der fiktiven Serie „Bounty Law“, um seiner Figur Rick Dalton näher zu kommen. Ganz soweit würde ich nicht gehen, aber ich finde es schön, in der Welt des Romans nicht nur zu arbeiten, sondern auch mal nur zu spazieren und zu sehen, was es neben der Handlung noch alles gibt.

Zum Schluss noch ein Gedankenspiel: Stell Dir bitte kurz vor, Du wärst Buchhändler in einer kleinen Buchhandlung und Deine Kund*innen konnten bislang pandemiebedingt nur online bei Dir zur Abholung bestellen. Welche drei Bücher würdest Du ihnen bei einem ersten Stöbern im Laden in die Hand drücken?

„Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls, „Mädchen, Frau etcetera“ von Bernardine Evaristo, „Im Wasser sind wir schwerelos“ von Tomasz Jedrowski. Und während wir zur Kasse gehen, würde ich fragen: „Aber Ishiguro und Irving haben Sie auch gelesen, oder?“ Dann würden wir eventuell noch mal umkehren und die holen, ehe ich die Kund*innen beiläufig fragen würde, ob sie auch Jugendbücher wie die von Angie Thomas oder John Green mögen. Da wäre nämlich in diesem Frühjahr ein tolles neues herausgekommen, „Der große Sommer“ von Ewald Arenz. Und das würde ich ihnen auch noch empfehlen.

Lieber Benedict, vielen herzlichen Dank für Deine Antworten! Und Dankeschön für all die wunderbaren Lese- und Hörstunden mit Deinen Büchern und die immer wieder spannenden Online-Lesungen auf den unterschiedlichsten Plattformen. Ich drücke Dir für die Lesereise ganz fest die Daumen, damit alles wie geplant stattfinden kann.

4 Gedanken zu “„Spinner“, Hörbuchlesungen und Geschichten – Interview mit Benedict Wells

  1. Was für ein wunderbares Interview! Tolle Fragen deinerseits und sehr interessante, mitunter überraschende Antworten von einem sehr sympathisch wirkenden Benedict Wells.

    Ich hab es ja leider noch immer nicht geschafft, mich seinen Werken zu widmen und bin nun wirklich am Schwanken, ob ich zuerst zu „Hard Land“ greife oder direkt zum Hörbuch von „Spinner“, um seinen eigenen Sound auch sofort zu hören.

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Kathrin, danke für Deine lieben Worte 😍

      Ich sollte vielleicht mal einen „Einstiegsempfehlungspost“ zu seinen Büchern machen 😂 Ich glaube, „falsch“ machen kannst Du bei Benedict nichts. Als Einstieg eignen sich auch wunderbar die Kurzgeschichten – dann überspring aber die zwei aus „Vom Ende der Einsamkeit“, die lesen sich nach der Lektüre des Buches besser. Bei den KG hast Du den unterschiedlichen „Sound“ auch gleich drin. Ansonsten Steig gerne auch mit „Becks letzter Sommer“ ein, das hat er zuerst veröffentlicht, es ist aber schon „runder“ als das zuerst geschriebene „Spinner“. Den hat er zwar überarbeitet, man merkt aber dennoch – was ja gewollt ist – seine damalige Jugend auch als Autor.

      Und wenn Du jetzt ganz verwirrt bist, dann steig einfach bei meinem Liebling ein: „Vom Ende der Einsamkeit“ – wobei „Hard Land“ mit einer für mich ganz eigenen besonderen Verbindung direkt daneben thront 😅

      Hilft das? 🙈

      Liebe Grüße
      Sarah

      Gefällt 1 Person

  2. Ich dachte noch, dass ich die Idee eines „Einsteigsempfehlungspost“ zum Werk von Benedict Wells gar nicht so verkehrt fand, als ich merkte, dass in deiner Antwort eigentlich ja schon ein solcher folgt. 😉 Mir persönlich hat das geholfen, denn spätestens seit „Vom Ende der Einsamkeit“ – über das ich wirklich praktisch ausnahmslos Positives gehört habe – schleiche ich um die Bücher von Wells herum, allerdings ohne mich zum Zugreifen durchringen zu können.

    Was mich davon abgehalten hat, war in erster Linie – so albern das vielleicht klingen mag – das Cover von „Vom Ende der Einsamkeit“. Der Diogenes Verlag hat sich keinen Gefallen getan, sofern er zum Ziel hatte, mich zum Leser der Wells-Bücher zu machen. 😉 Irgendwie finde ich das nach wie vor grenzkitschig und leite davon fatalerweise Vorbehalte auf den Inhalt ab.

    Vermutlich werde ich mal mit „Becks letzter Sommer“ oder „Spinner“ einsteigen, so wie du vorgeschlagen hast.

    Ach, übrigens: Ein sehr gelungenes Interview. Ich stünde in derselben Situation vor dem fatalen Problem, gar nicht zu wissen, was ich denn fragen soll. 🙂 Chapeau!

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  3. Liebe Sarah,

    ich wollte es nicht versäumen, Dein Interview mit Benedict Wells zu lesen! Heute zum Sonntagabend habe ich mir nun endlich mal die Zeit genommen. Und ich wurde nicht enttäuscht, ein tolles Interview! Wie hast Du dieses denn geführt? Per Mail? Da zeigt sich wieder, was für ein sympathischer Typ Herr Wells ist, dass er sein Versprechen von der Buch-Signierung von vor 5 Jahren gehalt hat!

    Einen schönen Sonntagabend und einen guten Wochenstart morgen,
    Simone.

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