Rezension: „Spinner“ (Benedict Wells)

Zugegeben: Ich hatte zu Beginn dieses Buches ein wenig Angst vor der Lektüre. „Spinner“ ist das letzte Buch, das mir noch in meiner Sammlung von Benedict Wells‘ Werken gefehlt hat und ich habe direkt davor „Becks letzter Sommer“ und gerade erst im Februar „Vom Ende der Einsamkeit“ gelesen gehabt. Meine Befürchtung war also, dass ich zu hohe Erwartungen an dieses Buch haben könnte. Außerdem fürchtete ich mich vor dem „Buchblues“ – diesem, Heike sagte es so treffend, „Buchausweh“ – das einen erwartet, wenn man ein wirklich gutes Buch ausgelesen hat. Oder, wenn man – wie in diesem Fall – mehrere Bücher eines tollen Autors gelesen hat und nun für wohl mehrere Jahre keinen Nachschub mehr bekommt.

Aber wie Ihr seht, konnte ich dem Buch dennoch nicht widerstehen und nun versuche ich das Buchausweh mit dem Schreiben dieser Rezension ein wenig abzumildern.

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(Foto: Privat)

Inhalt:

Jesper Lier hat direkt nach dem Abitur alle Brücken zu seiner Familie abgebrochen und ist von München nach Berlin gezogen um dort als Schriftsteller Erfolg zu haben. Soweit der Plan. Doch Jesper muss in einer mehr als turbulenten Woche erkennen, dass Erfolg wollen und Erfolg haben zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Nun bleibt nur die große Frage zu klären, ob Jesper sein Leben dementsprechend ändern kann – oder nicht.

Mein Eindruck:

Selten habe ich mich bei der Lektüre eines Buches so sehr nach dem Deutschunterricht in der Schule zurückgesehnt wie hier. Glücklicherweise haben Jule und ich „Spinner“ gleichzeitig gelesen, sonst wüsste ich jetzt nicht wohin mit dem Drang, über dieses Buch zu reden. Vor allem nicht, da nun – nach der Lektüre aller vier Bücher – die Frage, welche Teile autobiografisch sind und welche nicht, immer mehr in den Vordergrund rückt.

Doch diese Frage ist eine, über die sich jeder Leser selbst Gedanken machen soll.

Für mich könnte der Titel dieses Buches nicht passender sein: Jesper spinnt komplett! Er spinnt sich Lügengeschichten zusammen, seine Wahrnehmung spinnt nach dem radikalen Absetzen der Schlaftabletten und auch Jesper selbst ist insgesamt ein „spinnerter“ Typ. Dabei ist er mit all seinen Macken und Marotten aber auch – keine Frage – absolut sympathisch.

Eigentlich bekommt man schnell Mitleid mit Jesper, wie er da so in seinem Kellerloch haust und all seine Freunde schnellstmöglich zu vergraulen versucht. Aber ebenso schnell merkt man, dass er kein Mensch ist, dem Mitleid helfen würde. Vielmehr möchte man ihm Hilfe aufzwingen oder ihm eine Ohrfeige verpassen, damit er wieder klar denken kann.

A propos klares Denken: Faszinierend fand ich auch in diesem Roman, wie Benedict Wells seine Erzählung aufbaut und mit welchen Mitteln er den Leser immer wieder zu verblüffen mag. Er spielt mit Andeutungen, die eigentlich sofort beim Leser die richtige Vermutung nach sich ziehen und baut gleichzeitig Wendungen ein, die absolut unvorhersehbar sind. Vor allem das Spiel mit Realität und Fiktion beherrscht er meisterlich. Was erst mit einzelnen Situationen beginnt, weitet sich schließlich auf ganze Sequenzen aus, so dass man als Leser schlussendlich wohl selbst entscheiden muss, an welcher Stelle Jesper kein Lügenmärchen spinnt.

Es ist ebenfalls wieder einmal beeindruckend, welche Bandbreite an Emotionen Benedict Wells in diesem Roman aufkommen lässt. Es kommt öfter vor, dass ich bei der Lektüre eines Buches grinse, aber es ist sehr selten, dass ich mehrfach vor Lachen kaum Luft bekomme. (Ja, die anderen Fahrgäste im Zug haben mich verwundert angesehen, aber zwei haben sich auch direkt den Buchtitel notiert.) Trotz dieser sehr humorvollen Momente und einiger skurriler Eigenheiten und Entscheidungen der Hauptfigur driftet das Buch jedoch nie in die Lächerlichkeit ab. Vielmehr besticht es mit philosophischen und auch sehr gefühlvollen Momenten – gerade in absurderen Szenen.

Fazit:

Ja, Jesper Liers Woche ist absurd. Und dennoch ist sie tiefgründig, lustig und immer wieder überraschend. „Wo bin ich, wo will ich hin, wo gehöre ich überhaupt hin und was soll mal aus mir werden?“ – So oder so ähnlich könnte man einen Teil von Jesper beschreiben, nämlich den, der schon weiß, dass er sein Leben nicht wie bisher weiterleben kann, dass manche Illusionen nichts anderes sind als eben Illusionen. Der andere Teil von Jesper hat das bereits erkannt und will es doch nicht wahrhaben. Genau dieses Spannungsfeld ist es, das für mich beim Lesen so amüsant und fesselnd war.

5 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:

  • Preis: 12 €
  • Broschiert: 320 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 7 (28. September 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257240546
  • ISBN-13: 978-3257240542

 

 

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7 Gedanken zu “Rezension: „Spinner“ (Benedict Wells)

    • Das kann ich nur aus vollstem Herzen unterstützen! Und guck mal, ob er in Deiner Nähe liest – er macht ja eine ziemlich ausführliche Lesereise durch Deutschland. Das lohnt sich!

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