Rezension: „Ein ganzes Leben“ (Robert Seethaler)

Als ich im Oktober im Thalia Haus des Buches in Dresden bei der Lesung von Benedict Wells war – meinen Bericht dazu findet Ihr hier – hat er auch Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ empfohlen. Ich finde es immer wieder spannend zu erfahren, welche Bücher die Autoren lesen, deren Bücher ich gerne lese. Also nutzte ich kurzerhand die Gelegenheit und fragte im Bloggerportal „Ein ganzes Leben“ an.

Vielen Dank an dieser Stelle an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Foto vom Buch mit Frosch daneben auf Holzfußboden

(Foto: Privat)

Inhalt:

Andreas Egger kommt mit ungefähr vier Jahren in das Tal, in dem er mehr oder weniger sein gesamtes Leben verbringen wird. Er wird erst Hilfsknecht, dann Arbeiter in einer Firma, die Bergbahnen baut und führt ein sehr genügsames Leben. Er braucht nicht viel für sich selbst. Seine große Liebe Marie verändert das ein wenig, aber auch jetzt braucht er nur das, was für seine Frau und sich ausreichend ist. Eine Tragödie führt dazu, dass er sich später als Soldat anbietet und Jahre später blickt er zurück auf ein geruhsames und doch ereignisreiches Leben.

Mein Eindruck:

Robert Seethaler erzählt die Lebensgeschichte eines sehr ruhigen und in sich gekehrten Mannes in schlichten, schnörkellosen Worten. Die gekonnt miteinander verwobenen Rückblenden und Blicke voraus, auf das was geschehen wird, fügen sich zu einer faszinierenden Geschichte zusammen, die wie ein Film aus längst vergangenen Zeiten im eigenen Kopf abläuft. Das „in sich ruhen“, das Andreas Egger auch in Krisensituationen ausmacht, überträgt sich schnell auf den Leser und so ist das Buch zwar recht zügig ausgelesen, und doch kann man jeden Satz und jede Formulierung genießen.

Dankbarkeit für das, was ist, und Genügsamkeit auch in Zeiten, in denen man sich mehr erhofft – diese Lehren lassen sich schnell aus „Ein ganzes Leben“ ziehen. Es zählt nicht das, was andere haben, sondern nur das, was man selbst für die eigene Zufriedenheit benötigt. Und dass man nicht viel braucht, um zufrieden zu sein, auch davon handelt das Buch. Von jeder Seite scheint der Autor dem Leser die Ruhe und Kraft mitgebenzuwollen, die seinen Protagonisten ausmacht. Ehrlich gesagt ist dessen Resilienz angesichts persönlicher Tragödien und Schicksalsschläge einfach nur beeindruckend. Und fast vergisst man beim Lesen, dass es sich nicht um eine Biografie handelt.

Doch das Buch liest sich nunmal wie eine Erzählung über das Leben einer Person, die wirklich gelebt hat – und das ist wohl das beeindruckendste an diesem Buch. Das gesamte Gefühlsspektrum, welches man in den verschiedenen Phasen des Lebens durchlaufen kann, wird durch die sehr eigenen aber sehr liebenswürdigen Charaktere in allen Höhen und Tiefen verdeutlicht. Geschickt verknüpft Seethaler Entwicklungen mit Emotionen und setzt die Kontraste zwischen der modernen Welt – den Skiliften – mit dem, was wirklich zählt – das genügsame Leben von Andreas Egger – so geschickt ein, dass man als Leser unweigerlich selbst darüber nachdenken muss, was im eigenen Leben wichtig ist und was man für ein gutes Leben braucht.

Fazit:

„Ein ganzes Leben“ lässt den Leser nachdenken und manchmal brauchen wir genau solche Bücher. Damit wir unsere eigene Situation – mit all dem alltäglichen Mist, dem Gejammere und dem Stress – richtig einordnen können und vielleicht feststellen, wie gut wir es doch haben. Oder erkennen, was wir verändern müssen, um zufriedener zu werden.

5 von 5 Sternen.

Mehr zum Buch:

  • Preis: 9,99€
  • Taschenbuch: 192 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (18. Januar 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442482917
  • ISBN-13: 978-3442482917

 

 

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2 Gedanken zu “Rezension: „Ein ganzes Leben“ (Robert Seethaler)

  1. Liebe Sarah,
    wie schön, dass dich das Buch auch so begeistern konnte wie mich! 🙂
    Mich hat es damals wirklich tief beeindruckt und vor allem berührt. Es ist wirklich eines der Sorte Bücher, die etwas mit dem Leser anstellen und lange, lange bleiben.
    Deine Beobachtung, dass das Buch zwar schnell ausgelesen ist, man das Gelesene aber trotzdem bewusst genießen kann, teile ich: Ich hatte bei der Lektüre auch das Gefühl, dass „Ein ganzes Leben“ unheimlich entschleunigend wirkt – und das ist in der heutigen Zeit ja nie etwas Verkehrtes.
    (Der kleine Seethaler-Fan in mir würde dir, nachdem dir „Ein ganzes Leben“ so gut gefallen hat, jetzt auch noch „Der Trafikant“ ans Herz legen. 😀 )
    Viele liebe Grüße,
    Elena

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